Audienz auf dem Schloss, oberhalb Tübingens. Der Professor geht vor. Er stellt eine Stahlkassette auf den Tisch des Fürstenzimmers, schließt sie auf.

Seine Finger graben drei Kleinstobjekte aus. Sie sind so leicht, dass man sie kaum spürt auf der Hand. "Man kann nicht behaupten, das sei primitive Kunst.

Die hatten das voll im Griff", sagt Conard und erzählt vom Tag, an dem eine Studentin den 25,5 Millimeter kleinen Löwenmenschen von Hohle Fels nach 33 000 Jahren zurück ans Licht brachte: "Da hat mein Herz ein bisschen schneller geschlagen."

Rasch fiel Conard die Ähnlichkeit auf. Der Löwenmensch von Hohlenstein-Stadel konnte fortan nicht mehr als Einzelobjekt interpretiert werden. Der kleine und vermutlich ältere Bruder von Hohle Fels ist vielmehr Anzeichen dafür, dass die Eiszeitler der Gegend über Jahrtausende eine Religion oder Tradition gepflegt haben, in deren Mittelpunkt dieses tierisch-menschliche Geschöpf stand.

"Die Figur muss über lange Zeit Teil der Mythologie dieser Menschen gewesen sein", sagt Wehrberger vom Ulmer Museum. Er geht davon aus, dass alle Objekte, Mammut, Pferd oder Löwenmensch, nicht nur einmal, sondern viel eher Hunderte, wenn nicht gar Tausende Male angefertigt wurden. Bloß nicht immer als stabile Objekte aus Elfenbein: Die hölzernen verfaulten, die tönernen zerbröselten.

Vom spektakulären Löwenmenschen glauben die Forscher gar ein mögliches drittes Exemplar ausgemacht zu haben: den so genannten Adoranten aus Geißenklösterle. Dieses bereits 1979 ausgegrabene Relief mit einer aufrecht stehenden, die Arme hochhaltenden, stark verwitterten Figur hat einen auffallend raubkatzenartigen Körper. "Dann wären es sogar drei, von drei verschiedenen Fundplätzen", frohlockt Wehrberger.

Bloß, was steckt hinter dem Löwenmythos, welcher Kult? Conard, ein Freund der Theorien von Lewis Williams, vermutet einen Zusammenhang mit "Schamanismus".