Die ZEIT: Herr Geißler, warum interessieren Sie sich für Jesus?

Heiner Geißler:Ich wollte ursprünglich Jesuit werden, Priester. Ich war begeistert, wollte die Welt verändern und Bedeutendes tun und bin in den Orden eingetreten. Ich habe das Noviziat beendet und die ewigen Gelübde abgelegt: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Von den drei Gelübden habe ich zwei nicht gut halten können, nur die Armut fiel mir relativ leicht. Also bin ich ausgetreten, die Faszination des Evangeliums ist mir aber geblieben.

ZEIT: Auch später, als Sie Generalsekretär der CDU waren?

Geißler:Da musste ich mich mit dem C in unserem Parteinamen beschäftigen. Als Richard von Weizsäcker und ich 1978 das erste Grundsatzprogramm der CDU entworfen haben, schrieben wir ungewöhnliche Dinge hinein. Das Evangelium gibt uns ein Bild vom Menschen, dessen Würde unabhängig ist von Rasse, Glauben oder Geschlecht. Also schrieben wir: Dieses Menschenbild ist Grundlage der Politik der CDU.

ZEIT: Haben Sie das Buch Was würde Jesus heute sagen? für die CDU geschrieben?

Geißler:Nein.

ZEIT: Warum haben Sie es dann geschrieben?

Geißler:Weil der politische Inhalt der Botschaft mich immer mehr interessiert. Und weil es noch kein leicht lesbares Buch gibt, in dem man etwas über die politische Dimension des Evangeliums erfährt. Außerdem finde ich erstaunlich, wer sich alles auf die Bibel beruft: Leute wie George W. Bush. Er hält vor den Kabinettssitzungen Bibellesungen im Weißen Haus ab - allerdings wird da fast nur aus dem Alten Testament vorgetragen. Für die christlichen Fundamentalisten, zu denen Bush ja gehört, gibt das Neue Testament wenig her. Fundamentalisten gibt es aber bei uns auch. Denken Sie nur an den Streit um die Kreuze in den Schulzimmern, davon hing ja für einige Leute das christliche Abendland ab. Aber ist denn nicht viel wichtiger die Frage: Was würde der, der am Kreuz hängt, heute sagen? Würde er sagen: "Das Boot ist voll"? Oder: "Deutschland den Deutschen"?

ZEIT: Finden Sie nicht, dass der Anspruch Ihres Buches eine Anmaßung ist? Immerhin soll Jesus ja Gottes Sohn gewesen sein. Wie wollen Sie wissen, was der heute dächte?

Geißler:Ich halte mich an den Kern dessen, was er im Neuen Testament gesagt hat. Und Aufklärung im Sinne Kants bedeutet ja wohl auch, jederzeit selbstständig lesen zu können - auch das Evangelium.

ZEIT: Das nennt man auch Priestertum aller Gläubigen, und es ist eine zutiefst protestantische Haltung. Warum sind Sie eigentlich noch Katholik?

Geißler:Jeder intelligente Katholik ist im Inneren irgendwie auch Protestant. Die Nachfolgeorganisation der Inquisition, die Glaubenskongregation unter Kardinal Ratzinger, kann ja wohl nicht der Maßstab des Glaubens sein ... Übrigens haben wir damals auch die Luthersche Rechtfertigungslehre mit ins CDU-Grundsatzprogramm gepackt: Die Würde des Menschen ist unabhängig vom Urteil anderer Menschen, weil sie in Gott verankert ist. Egal, ob du im Abitur durchgefallen oder straffällig geworden bist. Auf das Urteil anderer kommt's nicht an. Das ist eine befreiende Botschaft.