ZEIT: In Ihrem Buch geht es viel um die Grausamkeiten in der Welt und wie der Christ darauf reagieren sollte. Sind diese Grausamkeiten nicht immer auch das beste Argument gegen den lieben Gott des Christentums?

Geißler:Gibt es Gott nach Auschwitz? Aber ich schreibe nicht darüber, wer oder wo Gott ist, sondern über Jesus, der sagt, wie eine bessere Welt aussieht.

ZEIT: Sie meinen, die Botschaft gilt auch ohne Gott?

Geißler:Ja. Aber sie kann zu Gott führen und als Dokument der Menschenliebe, als Anweisung, wie Menschen miteinander umgehen sollen, auch für Atheisten überzeugend sein.

ZEIT: Aber es sind doch Christen, die die Welt beherrschen. Christen führen wieder Krieg im Namen Gottes - hat das Evangelium die Welt in 2000 Jahren wirklich besser gemacht?

Geißler:Natürlich. Trotz der Irrungen der Theologie und des Missbrauchs durch viele Pseudochristen: Der Mensch ist frei geworden. Die abendländische Philosophie, der wissenschaftliche Fortschritt des Westens, die Unabhängigkeitserklärung in den USA, die Französische Revolution mit ihren Grundwerten, unsere Verfassung, die freie Stellung der Frau - all das ist ohne die christliche Botschaft nicht denkbar. Sie hat die Unantastbarkeit der menschlichen Würde in die Welt gebracht, auch wenn diese Würde immer wieder mit Füßen getreten wird.

ZEIT: Lieben Sie Ihre Feinde?

Geißler:Das muss ich nicht, ich muss ihnen aber helfen, wenn sie in Not sind.

ZEIT: Würden Sie Helmut Kohl helfen?

Geißler:Sofort. Aber nur, wenn er in Not wäre. Das meint die Feindesliebe: Ich muss nicht die ganze Welt lieben, weder Berlusconi noch Bush. Mir wird schon schlecht bei der Vorstellung, ich müsste alle Mitglieder der CDU-Fraktion in Berlin lieben.

ZEIT: Früher, als CDU-Generalsekretär, haben Sie gegen Pazifisten polemisiert. Heute predigen Sie auf Seite 46 Ihres Buches: "Man musste Gorbatschow nicht lieben und Breschnew nicht sympathisch finden, aber mit ihnen verhandeln - das entsprach der Feindesliebe der Bergpredigt."

Geißler:Die Friedensbewegung hatte damals vergessen, dass zur Nächstenliebe auch die Nothilfe und die Verteidigung von Menschenrechten gehört. Schröder, Fischer, Schily und Struck praktizieren genau das heute an der Spitze von Bundeswehr und Nato in Afghanistan und im Kosovo. Aber der Grundgedanke der Friedensbewegung war richtig, dem Gegner einen Schritt weiter entgegenzukommen, ruhig mal mehr nachzugeben, als der andere nachgeben würde, um dadurch das Verhältnis aufzulockern. Die achtziger Jahre sind mit ihrer Entfeindungspolitik letztlich ein Ergebnis jesuanischen Denkens.