Im Riesengebirge war es kalt im Winter, und wir Mädchen trugen alle selbstgestrickte Wollmützen oder lieber ein Kopftuch, das kratzte weniger. Auch meine Großmutter - kirchentreue Katholikin übrigens - trug ein Kopftuch.

Später lebte ich in Franken, wanderte manchmal im Spessart und nahm dazu immer ein Kopftuch mit als Schutz gegen Wind und Wetter.

Doch als ich mir neulich wieder mal eins einsteckte, merkte ich: Ich nahm in Kauf, komisch angesehen zu werden als potenzielle unterdrückte islamistische Extremistin oder Ähnliches. Denn heute ist ein Kopftuch nicht mehr einfach ein Kopftuch, sondern ein hart umkämpftes Symbol.

Ich ärgerte mich. Lange genug habe ich mir Vorschriften bezüglich meiner Kleidung machen lassen. Als Schülerinnen zogen wir uns vor dem Schultor Röcke über die Hosen, weil es verboten war, in Hosen zum Unterricht zu kommen. Als Austauschstudentin in den USA Anfang der fünfziger Jahre erstaunte mich, dass alle Frauen in den katholischen Kirchen Spitzentaschentücher auf dem Kopf trugen oder ersatzweise auch ein Papiertaschentuch. Noch in den sechziger Jahren waren Hosen für eine Lehrerin verpönt, und ich - jetzt selbst Lehrerin - fügte mich.

Jetzt will ich mir nicht mehr vorschreiben lassen, wie ich mich anziehe oder schminke, welchen Schmuck ich trage, ob ich meine Haare blau oder grün färbe (habe ich nicht vor), ob ich einen Blumenhut aufsetze (auch nicht ganz mein Geschmack) oder eben ein Kopftuch, wenn ich das möchte.

Natürlich muss eine Lehrerin das Grundgesetz und unsere Gesetze respektieren, aber ihre Kleidung ist ihre Privatsache. Durch die verbissene "Kopftuchdebatte" wird dieses Stück Stoff nur unnötig aufgewertet. Vielleicht sollten wir alle öfter mal ein Kopftuch tragen, dann würde es seine Funktion als Demonstrationsobjekt religiöser Gesinnung verlieren!

Dr. Susanne Eisele Würzburg