Kann man ein ganzes Buch über einen Schlager schreiben? Der 34-jährige amerikanische Journalist Rosen konnte das so gut, dass man ihm neugierig bis auf die letzte Seite folgt. Das liegt weniger an seiner frischen, saloppen Sprache, sondern an seiner Mitteilungsart: Man liest, als höre man jemandem zu, der eine einzigartige Erscheinung des amerikanischen Seelenhaushalts und der Musikindustrie wort- und gestenreich erzählt. Sein Gegenstand ist White Christmas, jahrzehntelang der weltberühmteste, mit mehr als dreißig Millionen Platten erfolgreichste, mächtig am Gefühl rüttelnde Schlager nicht nur seines Schöpfers, des sibirischen, früh in die USA emigrierten Komponisten Irving Berlin (1889 bis 1989), sondern auch seines ersten Interpreten, des Schauspielers Bing Crosby (1904 bis 1977).

In seiner endgültigen Version komponiert für den Film Holiday Inn (Musik Musik), blieb er von den Kritikern im September 1942 nahezu unbemerkt. Bald jedoch machte ihn die amerikanische Demütigung durch die Japaner in Pearl Harbor zu einer Art tröstender Nationalhymne für den heimlichen "Nationalfeiertag Weihnachten". Pastoren holten den Song in ihre Kirchen, den Soldaten an der Front liefen die Tränen, die hartgesottenen Schlagerverkaufsstrategen waren verblüfft von der überschäumenden Begeisterung für ein sentimentales Lied.

Politiker, Militärs, Journalisten und Geistliche verlangte es damals zwar dringender nach einem "peppigen" Kriegslied, sie wollten kein "Gesülze". Und?

Die Soldaten schrien nach White Christmas - und bekamen ihr Friedenssehnsuchtslied, das "wie geschaffen" war "für die Zeit". An Heiligabend 1942 signierte Irving Berlin das millionste Notenblatt - bald war es "der größte Hit aller Zeiten", ein "ultimativer Schmachtfetzen" voll von "unterschwelliger Traurigkeit", "schleichender Melancholie", der "wehmütigen Sehnsucht nach dem Vergangenen" und so "grundamerikanisch".

Jody Rosen hat das ungemein fleißig und lustvoll erforscht. Wir erfahren viel über den Komponisten, diese "Songschreibe-Maschine" (810 veröffentlichte Lieder), dieses schlaflose "Nervenbündel der Nation", viel über die politischen Zeitläufte, über Hollywood, das Showgewerbe, über den Publikumsgeschmack, geheime Sehnsüchte, viel über die USA. Schade, dass der Verlag uns die Noten des Liedes verweigert hat.

Jody Rosen: White Christmas

Ein Song erobert die Welt - aus dem Englischen von Gerlinde Schermer- Rauwolf und Robert A. Weiß - Blessing Verlag, München 2003 - 220 S., 18,50 e