Huppert: Gestern habe ich mir noch einmal seine Aufnahme der Beethoven-Sonaten angehört. Und tatsächlich sagt uns Brendel auf völlig zurückhaltende Weise alles, was es zu sagen gibt. Mit welcher Leichtigkeit, Tongenauigkeit, Biegsamkeit und Zurückhaltung! Mit spektakulärem Understatement verschwindet er in der Musik. In Michael Hanekes Film Die Klavierspielerin gibt es eine Szene, die der Philosophie der musikalischen Interpretation auf wunderbare Weise auf die Spur kommt. Als Erika Kohut ihren späteren Schüler und Geliebten zum ersten Mal Klavier spielen hört, begreift sie sofort, dass er sie so lieben wird, wie er Schubert spielt: aufgeregt, mit Effekt und Verve. Sie versteht, dass seine Musik auf Verführung und nicht auf Liebe beruht. Sie verliebt sich augenblicklich in ihn, aber sie merkt in diesem Moment sehr wohl, dass sie sein Spiel, seine Verführung nicht mag, vielleicht sogar verachtet. Sobald sie ihn liebt, beginnt sie auch schon, ihn zu hassen. Nie wieder und nie zuvor ist die Musik für mich im Kino so sehr Sprache geworden wie in dieser Szene. Hätte jedoch Alfred Brendel für Erika Kohut gespielt, hätte sie sich ohne Einschränkung verlieben können.

ZEIT: Brendel sagt, man solle nicht die Noten, sondern ihren Sinn spielen. Sie selbst machen es ähnlich. Sie spielen keine Figuren, sondern deren Sinn und Seele.

Huppert: Meine Figuren sind mir tatsächlich völlig schnuppe. Ohnehin finde ich, man sollte Schauspielschülern das Spielen am besten über die Musik nahe bringen.

ZEIT: Wären Sie lieber Musikerin geworden?

Huppert: Das wäre mein Traum. Als Musikinterpretin kann man eine Perfektion erreichen, die uns Schauspielern nie möglich sein wird. Aber ich gebe zu, es entspricht meiner Sehnsucht nach dem Absoluten.

 ZEIT: Es hat auch eine gewisse Koketterie, stets von den jeweils anderen Künsten zu schwärmen.

Huppert: Na und? Ich kann noch mühelos weiterschwärmen. Von einer Schriftstellerin, die mich geprägt hat wie keine andere: Nathalie Sarraute. Sie schreibt so diskret, dass man sie meistens nicht dem Nouveau Roman zuordnet, obwohl sie ihn begründet hat. In ihren Romanen gibt es keine Figuren. Keine dieser willkürlichen Setzungen, die vom Eigentlichen ablenken. Sarraute beschreibt Empfindungen, Seelenzustände, winzige Regungen, die manchmal nicht einmal die Oberfläche der Psyche durchstoßen. Erst Sarraute hat mir klargemacht, wie entscheidend diese „Vor“-Empfindungen sind. Was zählt, sind für mich allein diese Gefühle und Zustände. Die Figur sedimentiert sich schon von ganz alleine. Das Klischee, dass ein Schauspieler in die Haut eines anderen Menschen schlüpft, sollte man meines Erachtens auf den Müll werfen, denn ich bin ich, und die Figur kommt wie ein Unfall.

ZEIT: Gilt das auch für Ihre Theaterrollen?

Huppert: Es mag sich etwas versponnen anhören, aber im Theater ist der Unfall der Text. Erst gibt es einen Zustand, und dann kommt der Text. Man kann ihn flüstern, sprechen oder schreien, das ist dann nicht mehr so wichtig. Peter Zadek hat mir einmal gesagt, es sei nicht schlimm, wenn man nicht alles verstehe, es komme auf das an, was übertragen wird. Der wörtliche Sinn ist weniger wichtig als der Sinn, den man hineinlegt. Man sollte sich nicht einkreisen lassen vom exakten Text, von der Artikulation, von der immer so hoch gehängten „Figur“. Das alles sind Dinge, von denen ich sowieso nichts verstehe.

ZEIT:Für Alfred Brendel sind die von ihm angebeteten Komponisten wie Schubert, Beethoven oder Mozart Vaterfiguren, hinter denen man als Interpret verschwinden sollte. Wenn von Ihren Regisseuren die Rede ist, verwenden auch Sie immer wieder das Wort Vater. Heißt das, man muss beim Spielen Kind bleiben?

Huppert: Oh je, wir müssen Kind bleiben und den Vater gleichzeitig verführen! Man sollte nicht unterschätzen, dass sich Schauspieler in ziemlich archaischen Strukturen bewegen. Auf gewisse Weise lebt man mit dem Regisseur natürlich seinen Ödipuskomplex aus, ein durch und durch primitives Schema. Man kann sich diesem Schema unterwerfen, sich gleichzeitig aber auch gewisse Fluchtwege offen lassen. Wir wollen gefallen, wir begehren den Regisseur-Vater. Wir sind wie kleine Kinder, die der Autorität unterworfen sind, aber wir bestehen auch darauf, dass wir auf der Welt sind, dass wir existieren. Wir wollen unserem Papa sagen, wer wir sind. (lacht)

ZEIT: Das hört sich auch nach einem gewissen Sadomasochismus an.