Huppert: Ganz bestimmt. Aber es gibt nur wenige Regisseure, die sich auf dieses Spiel mit der Macht einlassen. Ich würde niemals mit einem Regisseur arbeiten, der mich auf maskuline Projektionen festlegt. Der in mir nur die Frau und die Schauspielerin sieht und der mir nicht diese Macht gibt. Regisseure wie Claude Chabrol oder Michael Haneke sind stark genug, um sich in diesen sadomasochistischen Zyklus hineinzubegeben.

ZEIT: In Die Klavierspielerin waren diese Machtspiele in einer Peep-Show-Szene besonders deutlich. Da gehen Sie in eine Kabine, ziehen das spermabefleckte Taschentuch aus dem Papierkorb und halten es an Ihre Nase. Ihren Trenchcoat tragen Sie dabei wie eine Ritterrüstung.

Huppert: Nie war ich zugleich so stark und so klein wie in dieser Szene. Haneke gab mir die Macht, mich zu erniedrigen, Abstoßendes mit der allergrößten Unnahbarkeit zu spielen. Wir sehen eine Frau, die der männlichen Dominanz eine weibliche entgegensetzt und die sich doch der gleichen Waffen wie die Männer bedient. Und zwar aus Angst. Angst zu lieben und geliebt zu werden. Diese Frau ist nun wirklich völlig jenseits aller banalen Schemata von Dominanz und Unterwerfung. Ganz ähnlich ist mein Verhältnis zu den Regisseuren. Es ist ein sadomasochistisches Spiel, das ständig in Bewegung ist. Es geht um wechselnde Abhängigkeiten, nicht einfach nur um plumpe Macht.

ZEIT: Ist der Zuschauer Teil dieses Spiels? Sie ziehen seinen Blick auf sich. Kann dieser Blick auch zur Bedrohung werden?

Huppert: Und wie! Aber dabei geht es nicht um den realen Blick, der auf meine Erscheinung trifft. Die Leute haben von jedem Filmschauspieler eine Summe an Bildern im Kopf. Und natürlich entwickeln diese Bilder ein ungeheures Gewicht. Manchmal komme ich mir vor wie auf einer Wippe. Auf der einen Seite bin ich, die plötzlich nur noch drei Kilo wiegt, und auf der anderen Seite diese Bilder mit ihrem drückenden Gewicht. Mir gegenüber wirft sich ein unvorstellbar fetter Mensch auf die Wippe, und ich werde an die Decke geschleudert. Glauben Sie mir, das ist keine Koketterie.

ZEIT: Andererseits haben Sie Ihre Filme und Ihre Karriere gerade als ungeheures Gewicht bezeichnet. Das ist ja nicht ganz unbescheiden.

Huppert: Dieses Gewicht bin nicht ich. Es ist das Gewicht der Rollen, der Bilder, der Arbeit und der Jahre, die sich auftürmen. Normalerweise schleppe ich das nicht alles mit mir herum. Ich bin eine kleine nervöse Seele, die sich jeden Tag fragt, was sie als Nächstes macht. Es wäre ja auch eine Schande, sich ständig klarzumachen, wer man ist, was man repräsentiert und erreicht hat. Aber der Blick der anderen macht es einem wieder bewusst.

 ZEIT: Wahrscheinlich sind es solche Äußerungen, die Claude Chabrol verleiten, Sie unablässig auf den Arm zu nehmen. Er sagt, Sie brauchten das. Sie seien zu ernst.

Huppert: Wenn Chabrol hier wäre, dann würde er mich auslachen. Er sagt, ich sei viel einfacher gestrickt, als ich vorgebe zu sein. Er macht Witze über meine so genannte Intellektualität. Aber ich glaube, damit will er nur über sein eigenes kompliziertes Wesen hinwegtäuschen. Also stichelt er ständig über mein kompliziertes Wesen. Natürlich weiß er auch, dass ich ein überdimensionales Ego habe. Also behauptet er selbst im Gegenzug, er habe kein Ego. Das stimmt aber nur im flaubertschen Sinne: Der Autor existiert nicht, er ist unsichtbar. Nur: Um sein Ego derart zum Verschwinden zu bringen und Flaubert zu werden, braucht man selbstverständlich ein enormes, ein riesiges Ego. Tja, und über solche Dinge streiten Chabrol und ich ganze Abende.

ZEIT: Ihr Selbstbewusstsein scheint sich auf Ihr angebliches Riesenego aber nicht verlassen zu können. Ein Moment, in dem Sie sehr viel erreicht haben, war die Verleihung der Goldenen Darstellerpalme in Cannes für Die Klavierspielerin. Aber auch da wirkten Sie verlegen und schienen sich unter der Last der Blicke nicht wohlzufühlen. Hören Sie nie auf, an sich zu zweifeln?

Huppert: Ich würde gerne damit aufhören, ganz ehrlich. Es ist manchmal sehr ermüdend, fast neurotisch. Manchmal will ich alles hinwerfen, einen anderen Beruf suchen, mit einem einfacheren Verhältnis zur Welt. Vielleicht passiert es ja auch.

ZEIT: Gibt es irgendetwas, womit Sie vorbehaltlos zufrieden sind?