Kleiner Junge: "Aber das hört sich alles an wie ganz gewöhnliches Weihnachten!" – Selbst: "Das war’s auch." – Kleiner Junge: "Weihnachten, als du ein kleiner Junge warst, war also gar nicht anders als Weihnachten jetzt?" – Selbst: "Doch, doch!" Das Weihnachtsgespräch des walisischen Poeten Dylan Thomas lebt aus dem Widerspruch, der sich Weihnachten nennt. Bis zum Ende bleibt er unaufgelöst. Alle Jahre wieder – wie immer – und doch ganz anders.

Liest Otto Sander die Weihnachtserinnerungen von Dylan Thomas, dann wird etwas von dem Gefühl hörbar, das in jenem Tag liegt, der nur für das Kind existiert. Ist die Kindheit vorbei, gibt es Weihnachten nur noch als Erinnerung. Eine Aneinanderreihung von Bildern, von Wannwaswar, den Rest des Lebens verbringt man damit, in diesen unverbundenen Sequenzen einen Zusammenhang zu suchen. Ob es da eine Verbindung gibt zwischen dem "besten Teetablett", auf dem die Jungs den verschneiten Hügel hinunterrutschen, und jenem Rosinenkuchen, der Onkel Arnold kotzkrank gemacht hat, zwischen dem Weinen über die eiskalten Hände und dem Wackelpudding, den der junge Dylan aß – "am Ende des unvergeßlichen Tages am Ende des nicht mehr erinnerten Jahres"?

"Und" ist das ehrlichste Bindewort, das nicht vorgibt, etwas erklären zu können, und Dylan Thomas verwendet es ausgiebig. Ob es die Gespräche der Jungen sind, die durch das weiße Städtchen laufen und ihren Abenteuerfantasien nachgehen, in Protheros Garten mit Schneebällen auf die gefährlichen Jaguare lauern, während die klugen Katzen hinterm Ofen bleiben, oder ob er den Inhalt jenes "Strumpfes der Strümpfe" aufzählt, mit Zelluloidente, Gummibüffel, vielfarbigen Geleebonbons oder einem Malbuch "in dem ich das Gras, die Bäume, das Meer und die Tiere in jeder Farbe malen konnte, die mir recht war; und bis zum heutigen Tag grasen die blendendhimmelblauen Schafe auf der roten Weide unter einer Schar von regenbogenschnäbligen und erbsengrünen Vögeln".

Es sind die Erinnerungen eines Dichters (1914 bis 1953), der nicht nur Bob Dylan seinen Namen gab, sondern auch Sänger wie Van Morrison oder John Cale ein Leben lang inspirierte und beschäftigte, die wortmächtige, liedhafte Schlaglichter auf eine Zeit werfen, die so intensiv wird, weil sie sich fast ununterscheidbar wiederholt. Jedes Jahr die gleichen Peinlichkeiten und harmlosen Scherze, die Rituale, die Blicke zur Decke, wenn wieder jener Onkel einen Witz macht, den er sich seit Kindergedenken nicht entgehen lässt. Weihnachten ist Aufzählung ist Wiederholung und deshalb so wunderbar.

Vielleicht haben’s die modernen Weihnachtsgeschichten so schwer, weil sie das Besondere an einem Tag suchen, der ohnehin das Außergewöhnliche im ganz Gewöhnlichen vereint. Alles Weihnachten! versammelt sieben Erzählungen von Erich Kästner bis Doris Dörrie, von O. Henry bis Axel Hacke, und es sind gerade die witzigen Ideen, die sich am schnellsten abnutzen. Da plaudert Axel Hacke über die guten Vorsätze und das Scheitern des Versuchs, diesmal die Geschenke frühzeitig zu besorgen, da beschreibt Elvira Richter die Rückzugsgefechte der Einsamen gegen das Fest und lädt sich – über das Weihnachtsmann-Menü im PC – einen Engel herunter, der leider eine Funktionsstörung aufweist: Er ist stumm.

Doris Dörrie schickt einen türkischen Weihnachtsmann, arbeitslos und wenig erfolgreich, zu Zimmer 645, wo ihn eine Überraschung erwartet; Gabriele Bondy macht sich auf die DDR-Suche nach Apfelsinen bei den Russen, bei Väterchen Frost, und Erich Kästner erzählt vom Interview mit dem Weihnachtsmann , das zwar manchen Aufschluss über das saisonale Teilzeitgeschäft des Weihnachtsmannes liefert – im Frühjahr Luftballonverkäufer, im Sommer Bademeister – ihm aber auch den Restglauben nimmt.

Schöne Geschichten, und doch ist es das Geschenk der Weisen von O. Henry, der reine literarische Schmelz, der das Herz wärmt. Da verkauft eine junge Frau im kalten New York der dreißiger Jahre ihre Haare an eine Perückenmacherin, um ihrem geliebten Mann eine Uhrkette schenken zu können, da verkauft der Mann seine Uhr, um ebendieser geliebten Frau einen teuren Kamm für ihr wunderschönes langes Haar am 24. Dezember nach Hause bringen zu können. Futter für die Seele, Satiren sind sinnlos, wir wollen gerührt werden.