Was ist der Anfang der Literatur? Der schriftlichen Überlieferung ging die mündliche voraus. Also ist jeder, der die Geschichte der Menschen weitergibt und ihr ein womöglich neues, anderes Kapitel hinzufügt, Teil der unendlichen Geschichte der Literatur. Aber wann und wo hat sie begonnen?

En archä än ho logos, im Anfang war das Wort, sagt der Evangelist Johannes. Aber er fügt hinzu: kai ho logos än pros ton theon, kai theos än ho logos – und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Wenn das zutrifft, dann bedeutet es die Dreieinigkeit von Gott, Anfang, Literatur. Ein kühner Gedanke. In der Weihnachtsgeschichte ist er zur Erzählung geworden. Sie ist eine der bekanntesten überhaupt, aber wie es mit bekannten Texten zu gehen pflegt: Man kennt sie und kennt sie doch nicht.

Vom wem stammt die Geschichte? Wer sie zuerst erzählt hat, wissen wir nicht. Wir wissen nur, wer sie zuerst aufgeschrieben hat, die Evangelisten Matthäus und Lukas. Bis ins Detail erzählen sie von der Zeugung und der Geburt Jesu. Ihre beiden Weihnachtsgeschichten ergänzen einander, aber sie widersprechen sich auch. Und die dritte Weihnachtsgeschichte, die des Johannes, ist die kürzeste und großartigste: Im Anfang war das Wort.

Wir kennen die Weihnachtsgeschichte aus dem wunderbaren Fundus europäischer Malerei und Musik. Die Verkündigung Marias und die Anbetung der Könige, der Kindermord des Herodes und die Flucht nach Ägypten, die Hirten auf dem Felde und das Kind in der Krippe: Es sind Bilder, die über Jahrhunderte hinweg die Vorstellungskraft geprägt und bereichert haben. Und die köstlichsten Werke der Musik haben den Gesang der himmlischen Heerscharen imitiert, vielleicht sogar überboten.

Kann man die Weihnachtsgeschichte rezensieren? Natürlich, denn sie ist ein Werk der Literatur. Natürlich nicht, denn sie ist Bestand unseres kulturellen Unterbewusstseins – selbst da, wo sie sich auf die Krippenfiguren in Karstadts Schaufenstern reduziert.

Es gehörte viele Jahre zur Tradition meiner Schule (des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums in Frankfurt am Main), die "Weihnachtshistorie" von Heinrich Schütz aufzuführen. Ich gehörte dem Männerchor an (aber wir waren picklige Jünglinge), der die Weisen aus dem Morgenlande zu singen hatte: "Wo ist der neugeborne König / der Juden? / Wir haben seinen Stern gesehen / im Morgenlande / und sind kommen, / ihn anzubeten."

Seitdem ist meine Weihnachtsgeschichte die von Schütz komponierte. Und ich gestehe, dass ich überrascht war, als ich endlich einmal den Text der Evangelien miteinander verglich. Die Weihnachtsgeschichte von Schütz (es ist auch die von Karstadt, die in allen Kirchen und auf allen Christkindlmärkten erzählte Geschichte) ist eine Verknüpfung von Matthäus und Lukas. Dieser erzählt vom Stall und den Hirten, jener von Herodes und den Weisen. Um es genauer zu sagen: Schütz beginnt mit Lukas 2, 1–21, fährt fort mit Matthäus 2, 1–23 und endet mit einer Überblendung zweier Lukas-Verse (1,80 und 2,52): "Aber das Kind wuchs und war stark im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm."

Lukas erzählt wie Kinder oder wie Menschen außer Atem