Was aber ist wirklich geschehen, wirklich im Sinne einer positivistischen Historiografie? Sehr wenig, sagt Halbfas. Es gab Jesus, er lebte in Nazareth und war Bauarbeiter. Er wurde von den Römern, wahrscheinlich wegen messianischer Umtriebe, hingerichtet. Der Anteil der Juden an diesem hoheitlichen Akt war denkbar gering. Auch gibt es noch ein paar andere belegbare Kleinigkeiten. Die Geburt Jesu zählt nicht dazu. Man weiß nicht, wann und wo er geboren wurde, sagt Halbfas.

Wenn aber die Evangelisten keine Historiker waren, was dann? Sie waren Schriftsteller. Die Wahrheit der Literatur kennt viele Wege. Der Weg des Authentisch-Zutreffenden ist der bescheidenste. In seinem sehr klar geschriebenen und anregenden Werk Die Wahrheit der Literatur schildert der Literaturwissenschaftler Burghard Damerau die schillernden Aspekte des Wahrheitsbegriffs und seine Wandlungen. Es gibt zum Beispiel die ästhetische Wahrheit: Ein Werk kann so schön sein, so stimmig, dass es eine neue Wahrnehmung oder Empfindung ermöglicht. Oder die moralische Wahrheit: Ein Werk schildert menschliche Charaktere, als ob es sie gegeben hätte und die sich so verhalten haben könnten, wie es erzählt wird, sodass wir aus dem Ablauf der Geschichte Schlüsse für unser eigenes Verhalten ziehen können. Viele dieser Zugänge zu einer Wahrheit hat die Moderne ins Negative verkehrt, sodass auch das absichtsvoll hässliche oder antimoralische Werk im Spiegelbild eine Wahrheit zeigen kann.

Ob etwas wirklich genau so geschehen sei, ist für die Wahrheit der Literatur von nicht sehr großer Bedeutung. Das gilt auch für die Evangelisten, mit der Einschränkung freilich, dass der Realitätskern des Geschehenen ihrer Botschaft erst die Sprengkraft gibt. Aber sie waren nicht an der äußeren Wahrheit interessiert – die stand sowieso fest –, sondern an der inneren. Ihre Erzählung ist wahr, weil sie einer großen Idee folgt und weil ihre Botschaft unbedingt und fordernd ist. Wenn man sie für wahr hält, dann folgt daraus nichts weniger als Umwälzung und Umkehr, Umwälzung des Bestehenden, Umkehr des Einzelnen. Es kann sein, wahrscheinlich ist es sogar die Regel, dass man sich von der Botschaft überfordert fühlt, aber abweisen kann man sie nur, wenn man das Evangelium für nicht wahr hält, also bloß für eine Erfindung leicht überspannter Seelen.

Die Weihnachtsgeschichte beendet die Beliebigkeit

Normalerweise stellen wir, wenn wir ein literarisches Werk lesen, solche peinlichen Fragen nicht. Wir sind es gewohnt, mit einem diffusen Sortiment von Wahrheiten umzugehen, und sind halbwegs zufrieden, wenn ein Text poetisch Hand und Fuß hat, und sei die Botschaft noch so bescheiden. Die Literaturkritik neigt dazu, das so genannte gute Schreiben, die Raffinesse und Ausgefuchstheit des Handwerklichen, an die Spitze der Kriterien zu stellen. Die Evangelien sind weder ausgefuchst noch raffiniert, sondern ganz einfach. Aber sie entwerfen eine radikale Utopie, sie verkünden das Äußerste.

Ob die Literatur in diesem Sinn wahr ist, ob sie das Äußerste will, das eschaton, kümmert uns in der Regel kaum. Vielleicht ist das ein Fehler. Im Anfang war das Wort. Es spielt eine Rolle, und zwar die entscheidende, ob das Wort, der Logos, im äußersten Sinne wahr ist. "Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme", sagt Jesus bei Johannes (18,37), und Pilatus stellt die berühmte Frage: "Was ist Wahrheit?" Die Weihnachtsgeschichte gibt die Antwort. Man kann sie bestreiten, aber sie beendet die Beliebigkeit. Wir begreifen: Wahrheit ist nicht gleich Wahrheit, es gibt Wahrheiten unterschiedlicher Gravität.

Es begab sich aber… Damit beginnt es. Es kann nicht egal sein, was sich da begeben hat.