Die britische Außenpolitik der jüngsten Zeit gibt einige Rätsel auf. Warum hat sich Premierminister Tony Blair so bedingungslos an die Seite von US-Präsident George W. Bush gestellt? Was ist aus der Ankündigung geworden, nach den langen Jahren der Europaphobie unter den konservativen Regierungen von Margaret Thatcher und John Major das Land in die Mitte Europas zu führen? Wie konnte sich der ebenso sendungs- wie machtbewusste Regierungschef, der sich zu Beginn seiner Amtszeit hauptsächlich für die Innenpolitik und sein Konzept des Dritten Wegs interessierte, wegen eines außenpolitischen Themas wie der Irak in eine Lage bringen, die ihn sein Amt hätte kosten können?

Der britische Journalist John Kampfner, Politikchef der linken Wochenzeitschrift New Stateman, gibt in seinem Buch erste Antworten. Er hat mit über 40 Insidern der Regierung Blair gesprochen; mit Kabinettsmitgliedern, Beratern und hohen Beamten aus den britischen Außen- und Verteidigungsministerien und den Geheimdiensten. Dass Kampfner seinen "Quellen" Diskretion zusagte und seine detailreiche Darstellung nicht mit Belegen unterfüttert, liegt in der Natur von Büchern dieser Art. So ist bei manchen Passagen Vorsicht geboten. Nichtsdestoweniger ist dem Autor ein faszinierender Blick hinter die Kulissen gelungen.

In nur sechs Jahren, rechnet Kampfner vor, hat die Labour-Regierung fünf Kriege geführt, eine rekordverdächtige Bilanz. "Krieg" ist nicht ganz das richtige Wort für das dreitägige Strafbombardement, das Blair gemeinsam mit Bill Clinton in der "Operation Desert Fox" gegen Saddam Husseins Irak im Dezember 1998 exerzierte, und auch nicht für die militärische Intervention im Sierra Leone Ende der 1990er Jahre. Kampfner zieht jedoch eine Linie von dort über den Kosovo-Krieg von 1999 zu den Feldzügen gegen die Taliban in Afghanistan und gegen den Irak.

Sein Eingreifen in der ehemaligen afrikanischen Kolonie Sierra Leone zugunsten des gewählten Präsidenten Ahmad Tejan Kabbah, und der Bombenkrieg gegen Serbien hätten Blair zu einem Verfechter humaner Interventionen gemacht. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe der Premierminister versucht, seine Überzeugungen mit dem Präventivkrieg-Denken der Bush-Administration in Einklang zu bringen.

Laut Kampfner fand die britische Festlegung für den Irak-Krieg bereits im April 2002 bei einem Treffen zwischen Bush und Blair auf Crawford, der Ranch des Präsidenten, statt. Blair und sein außenpolitischer Berater, David Manning, seien zu dem Schluss gekommen, dass Bush von einem Krieg gegen Saddam Hussein nicht abzubringen sei. Blair habe dem Präsidenten seine unbedingte Unterstützung zugesagt, aber für die Bildung einer größeren Koalition plädiert.

Blairs Konzept zerbröckelte, er wurde zum Gefangenen seiner Politik. Zwar gelang es ihm, Bush zu bewegen, eine Legitimation durch die Vereinten Nationen zu suchen. Seine Zusage, Frankreich, Deutschland und Russland ins Boot zu holen, konnte er aber nicht einhalten. Selbst im eigenen Land fand er keine breite Unterstützung, obwohl er die unmittelbare Bedrohung hochspielte, die von (dem endlich entdeckten) Saddam Hussein und seinen (bis heute unauffindbaren) "Massenvernichtungswaffen" ausging.

Das Buch hat einige Überraschungen zu bieten. Dazu gehört, dass sich Außenminister Jack Straw unmittelbar vor dem Angriff auf den Irak kurzzeitig gegen den Krieg zu stemmen versuchte. Deutlich wird auch, in welch hohem Maße Blair und sein kleiner Kreis von Beratern die britische Außenpolitik an den eigentlich zuständigen Ministerien vorbei bestimmt. Die Lektüre wirft eine weitere Frage auf. Kampfner legt nahe, dass die britische Strategie, der derzeitigen amerikanischen Regierung bereitwillig zu folgen und zu hoffen, so auf deren Entscheidungen Einfluss nehmen zu können, gescheitert ist. Die französisch-deutsche Gegenstrategie hätte aber wohl ebenso wenig Erfolg gehabt – mit oder ohne Tony Blair. Welche Optionen bleiben?