Amman

Die Vertretung des Vatikanstaates in Jordanien hatte ungewöhnlichen Besuch. Ein Araber, 23 Jahre alt, bärtig, schwarze neugierige Augen, islamischen Bekenntnisses, wollte den Papst sprechen. Das war im März 2000, als der Pontifex im Königreich Jordanien weilte. Zeit fand der Papst nicht, doch immerhin sprach sein Nuntius eine gute Stunde mit dem jungen Mann. Tamam bat um nicht weniger als die Staatsbürgerschaft des Vatikanstaates, um einen Pass vom Papst. Der Nuntius sagte, das ginge leider nicht, der Vatikan sei kein Staat im üblichen völkerrechtlichen Sinne. Deshalb könne er auch keine Staatsbürgerschaften vergeben. Tamam verließ die Gesandtschaft und blieb, was er war: ein Staatenloser.

Tamams Flucht zum Papst war eine ungewöhnliche Idee, sich aus einer vertrackten Lage zu befreien. Dabei ist sein Fall alltäglich in den arabischen Ländern. Tamams Mutter hat einen jordanischen Pass, das aber macht ihn noch lange nicht zum Jordanier. Denn sein Vater ist Palästinenser, also Ausländer, der obendrein selbst keinen Pass hat. Frauen aber dürfen ihre Staatsangehörigkeit nicht an die Kinder weitergeben. So sind die Gesetze in Jordanien, so sind sie auch in Ägypten, in Saudi-Arabien. Sie gehören zu der ausgefuchsten Sammlung familienrechtlicher Vorschriften, die in etlichen arabischen Ländern Frauen drastisch benachteiligen. Erbschaften? Verträge? Jobs? Da müssen viele arabische Frauen erst mal ihren Mann um Erlaubnis bitten.

Beim Staatsbürgerschaftsrecht gibt es nichts zu bitten. Ohne den richtigen Pass des Mannes bleiben die Kinder eben staatenlos. Diese Diskriminierung ist selbst den Mächtigen schon aufgefallen. In Ägypten hat Präsident Mubarak im September eine Gesetzesänderung versprochen. In Jordanien setzt sich Prinzessin Rania für mehr Gleichberechtigung beim Passrecht ein. Nun haben die politischen Bedenkenträger und die mächtigen Berufs-Patriarchen das Wort. Doch wie ein Mensch ohne Staatsangehörigkeit in Jordanien lebt, fragen nur wenige.

Tamam sitzt am Ufer des Toten Meers und schaut hinüber nach Israel. Er hat das Land nie gesehen. "Ohne Pass bleibt mir nichts anderes übrig, als im Kopf zu reisen", sagt er. Auf diese Weise war er auch schon in Deutschland unterwegs. "Dort sind die saubersten Straßen der Welt, alle Menschen sind organisiert", weiß er zu berichten. Das einzige Land außer Jordanien, das er aus eigener Anschauung kennt, ist sein Geburtsland Algerien.

Tamams Leben führte vor 22 Jahren in die Sackgasse. Damals war er vier Jahre alt und lebte mit seiner Mutter in Algerien. Sie flogen nach Amman, um Verwandte zu besuchen. Tamams Mutter machte sich nicht viel Gedanken um die Reisepässe. "Ich hatte keinen", sagt Tamam, "also schrieb sie mich einfach mit auf ihr Einreisedokument." Das war zwar nicht ganz legal, doch der freundliche Passbeamte ließ sie passieren. Sie blieben länger als geplant. Die Einreisegenehmigung war abgelaufen, als sie wieder nach Algerien fliegen wollten. Da begann die Katastrophe.

Die Prinzessin antwortet nicht

"Ihr Kind kann nicht mit Ihnen reisen", sagte der Grenzbeamte zu Tamams Mutter. Sie blickte ihn mit aufgerissenen Augen an. Tamam verstand nichts, nur so viel, dass seine Mutter panische Angst bekam und weinte. Tamam leistete ihr schreiend Gesellschaft. Den Offizier beeindruckte das nicht, die Mutter brach zusammen. "Auf sie warteten in Algerien meine Geschwister, das Haus, die Arbeit", sagt Tamam, "also musste sie fliegen." Ein Verwandter kam zum Flughafen, um Tamam zu holen. Er weinte weiter, bis ihm der Grenzbeamte einen Apfel in den Mund presste: "Sei einfach mal ganz still!"

Tamam wohnte fortan bei seiner Tante. Seine Mutter kam zu Besuch, aber mehr eben auch nicht. Ihr Sohn lebte als Illegaler in ihrer Heimat, das für ihn Gastland und Gefängnis zugleich wurde. Tamams Probleme begannen, sobald er vor das Haus seiner Tante trat. Keine staatliche Schule wollte ihn nehmen. Er kam in einer Koranschule unter, ohne Anmeldung. Dort lernte er vier Jahre lang Arabisch, Englisch, Rechnen, Geschichte und natürlich Religion. Im vierten Jahr wurden die Gesetze rigider, die Schulbehörde wollte seinen Pass sehen. Danach hatte er schulfrei.

Tamam lebte fortan in der staatsfreien Zone. Dort gab es viel zu tun für den Elfjährigen. Er erntete Gemüse und Früchte, er schleppte Ziegel auf dem Bau, er spülte Geschirr in Restaurants, er reparierte Geräte in Kopierläden, er verkaufte alles Mögliche und Unmögliche: Hoteluniformen, Unterwäsche, Dünger, Ofenrohre. "Das Schönste waren Wassermelonen", sagt er und lächelt so breit, dass ein Stück bequem in seinen Mund passt. Da Jordanien sich nicht für ihn interessierte, begann er sich fürs Ausland zu begeistern. Tamam lernte weiter Englisch. Er sprach mit Touristen, ausländischen Händlern – bis er als Übersetzer arbeiten konnte. Ein fast bürgerlicher Beruf für einen Nichtbürger.

Tamam wohnt heute im Zentrum von Amman, in einem 25 Quadratmeter großen Zimmer, das er mit einem senegalesischen Flüchtling teilt. Hoch oben unter der Decke lässt ein Fensterschlitz etwas Luft herein. Das Zimmer ist mit Bücherstapeln und Matratzen zugestellt. In einer Ecke steht ein faltbarer Plastikschrank mit Reißverschluss. Die Behausung könnte in einer Stunde geräumt sein. Das ist nicht unwichtig. "Wenn du keine Papiere besitzt, behandeln dich alle wie einen Verbrecher, obwohl du nichts auf dem Kerbholz hast", sagt Tamam. Er kann kein Auto kaufen, kein Geschäft eröffnen. Er darf nicht heiraten und keine Kinder registrieren. Er kann nicht einmal in ein staatliches Krankenhaus gehen. Ob er auf Staatskosten sterben dürfte, hat er noch nicht überprüft.

Tamam führt eine Art Wildwest-Existenz im Nahen Osten: auf eigene Rechnung und eigenes Risiko. "Wenn du beraubt wirst, kannst du nicht zur Polizei gehen, weil du keinen Ausweis hast", sagt er. Auf der Straße achtet er darauf, der Staatsgewalt nicht zu begegnen. "Einmal verlangten Polizisten meine Papiere, und ich hatte keine", sagt er. Sie schleppten ihn auf die Wache, schlugen ihn, beschuldigten ihn, ein Spion zu sein. Anschließend musste er schriftlich bestätigen, dass er nicht geschlagen wurde und dass er "keine Frauen mehr auf der Straße belästigen werde".

Wie bekommt man einen Pass, wenn man nie einen hatte? Tamam hat viel versucht. "Ich habe an Minister geschrieben, an den Premier, an den König. Ich habe Prinzessin Rania bei einem Festival angesprochen. Keine Antwort." Dann klapperte er die ausländischen Botschaften ab. Algerien, sein Geburtsland, Kanada, die Niederlande, der Irak, Libyen, Ägypten lehnten ab. Der Vatikanstaat: siehe oben. Das UN-Flüchtlingshilfswerk fühlte sich für einen Staatenlosen nicht zuständig.

"Zu viele von meiner Sorte"

Könnte es ihm helfen, dass sein Vater Palästinenser aus Gaza ist? Tamam hat seinen Vater vor neun Jahren das letzte Mal in Jordanien gesehen. Seither kann der selbst nicht mehr reisen. Sein Passierschein für Flüchtlinge ist längst abgelaufen, einen neuen bekommt er nicht. All dies erklärte Tamam der palästinensischen Vertretung in Ammam. Die reichte ihn mit freundlichen Empfehlungen weiter an die israelische Botschaft. Nur die könne ihm einen Pass ausstellen. Doch die Israelis gaben die gleiche Antwort wie alle anderen: nein. Und wenn Prinzessin Rania Erfolg hat? Wenn jordanische Frauen endlich ihre Staatsbürgerschaft an die Kinder weitergeben dürfen? Tamam bleibt vorsichtig: "Niemand weiß, ob sie Kindern von palästinensischen Vätern je einen Pass geben. Es gibt hier zu viele von meiner Sorte." Manchmal, sagt er, liegt er einfach nur auf der Matratze und spürt, wie er alle Kraft verliert, den Willen, weiterzukämpfen ohne Papiere. Dann sieht er gern den arabischen Film al-Hodud ("Die Grenzen").

Der Streifen handelt von einem Araber, der seinen Pass im Niemandsland zwischen zwei arabischen Staaten verliert. Der unglückliche Mann kann weder vor noch zurück. Also eröffnet er im Grenzgebiet eine Raststätte. Eines sonnigen Tages kehrt eine Beduinin bei ihm ein. Sie heiraten und bekommen ein Kind. Damit beginnen die Schwierigkeiten. Wo zum Beispiel steht im Niemandsland die Schule? Die Lage wird unerträglich, die Familie packt und geht samt Hühnern und Ziegen einfach über die Grenze. Die Soldaten sind entsetzt und schreien: "Haaaalt!" Schnitt, da endet der Film. Ob Tamam während des Abspanns noch Schüsse hört, hängt ganz von seiner Tagesstimmung ab.