Da ist man lange in einer blickdichten Nebelwelt unterwegs gewesen, vom engen Yspertal hinauf auf die Anhöhen der böhmischen Masse, hat geduckte Dörfer jäh auftauchen sehen, Pyra, Kleingerungs, Pfaffings oder Dietmanns, in denen kaum eine Menschenseele zugange war, schiefe Schneezäune, Maulwurfshügel, in kahle Äcker gesprenkelt, weite Wälder erahnt hinter den gerade noch erkennbaren vorderen Baumreihen. Und dann leuchten ein paar milchige Laternen auf.

Jeder Winterreisende weiß, wie wichtig das Ankommen ist an schnell dunkelnden Tagen, wie spannungsvoll erwartet das Nachtquartier, wenn man sich nur noch schleichend zurechtfindet auf krummen Straßen in Dämmer und fremdem, klammem Land. Im österreichischen Waldviertel, dieser strengen, leeren, granitenen Hochregion, eine Autostunde nordwestlich von Wien, hat der abendliche Logisbezug manchmal eine fast irreale Adventskalenderromantik.

Schloss Rosenau etwa: Im Dunst nehmen allerlei verstreute gelb-weiße Barockbauten Gestalt an, Stuck, geschwungene Tore, bemooste Statuen flankieren eine alte Steintreppe. Schließlich die traumschöne Turmfassade des Hauptschlosses, auch ihre Konturen schemenhaft im Nebel, ein blitzender Weihnachtsbaum neben dem schweren Holzportal. Und drinnen lässt man sich einlullen in einer wärmend komfortablen Schlosshotel-Welt - mit einer leicht überausgeprägten weiblichen Vorliebe für Seidenkissen, Duftöle und flackernde Teelichte. Da ist einem die Unverspieltheit und strenge, mysteriöse Eigenart der berühmten freimaurerischen Räume im winterlich-kühlen Schlossmuseum, einen Flügel weiter, dann ganz recht.

Krumme Bäumchen ächzen, das Blech der Ortsschilder klirrt

Oder man erreicht Schloss Drosendorf, oben im Norden über dem Tal der Thaya, nach einem frostigen Tag in den stumpfen Farben eines Brueghelschen Wintergemäldes. Der böhmische Wind war schon eher ein Sturm aus den nördlichen mährischen Weiten, man konnte sich kaum senkrecht halten auf den kurzen Wanderversuchen über die Hochflächen. Es ächzten die krummen Bäumchen an den Straßenrändern, und es klirrte das Blech der Ortsschilder und der schlichten Wegkreuze an den Gabelungen. Am Abend dieses fauchenden, finsteren Tages dann die Auffahrt ins ummauerte Felsenstädtchen Drosendorf: ein Stadttor, eine gewundene Gasse, ein stiller Stadtplatz mit Pestsäule, Kirche und beidseitig eine Aufreihung von Bilderbuchhäuschen, Volutengiebel, Sgraffito und buntes Pastell, die warm leuchtenden Fenster zweier Wirtschaften.

Und dann bezieht man das mächtige vierflügelige Schloss, schleppt seine Tasche über die holperige Kopfsteinbrücke zum Tor, durch den rosaweißen barocken Innenhof mit dem nun leeren Brunnen, auf dem ein rundlicher Knabe einen Widder an den Hörnern packt. Man wandert die abgetretenen uralten Holztreppen hinauf, an ungezählten Jagdtrophäen, gebauchten Kommoden und Ahnenbildern vorbei - kein Mensch begegnet einem, ist man der einzige Gast?

Man sperrt das Zimmer mit den dunklen Schnitzbetten, den hochlehnigen alten Sesseln auf, das warm ist, warm trotz einer Raumhöhe, die man auf mindestens fünf Meter schätzt. Und nur ganz kurz entriegelt man die übermannshohen Doppelfenster, um sich hinauszulehnen in den Winterwind, mit Adlerblick über die hohen Parkbäume ins tief eingeschnittene Thayatal, den barocken Schüttkasten auf der Anhöhe, auf Felder und Hügel jenseits des Wehrs, das emporrauscht bis zur eigenen steil überhöhten Feudalwohnlage.