Der Typ ist total verrückt, hatte Kurt immer wieder erzählt. Ich weiß nicht mehr, wie lange schon und wie oft ich diesen Satz von ihm gehört hatte. Ein ganzes Jahr oder erst seit dem Sommer? Und ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wann Viktor zum ersten Mal gesagt hatte, Weihnachten fahren wir ins Isergebirge, zu diesem Gustav Ginzel. Damit stand fest, dass wir dieses Jahr nicht zu Hause blieben, nicht am ersten Feiertag zu meinen Eltern gingen und am zweiten zu Viktors. Wir fuhren ins Gebirge, wir fuhren in den Schnee, in Stille umgeben von Bergen. Wir fuhren in eine Hütte, durch die der Gebirgsbach floss. Ein Bach mitten durchs Haus?, hatte ich Kurt gefragt. Ich hatte mir Plätschern vorgestellt, ein immer währendes Geräusch, das bis in den Schlaf dringt. Ja, sagte Kurt, und der Bach ist auch das Bad, sozusagen. Ich dachte an Aufstehen, an die Wärme im Bett und an Ausziehen, bis auf die Haut ausziehen nach der Nacht und vor eisigem fließendem Wasser stehen. Silvester wollten wir zurück sein. Ein paar Tage in klarer Luft.

In Liberec steigen wir um, fahren bis Tanvald und laufen von dort, hatte Viktor mir erklärt, als ich ihn nach der Route gefragt hatte. Wie weit ist es hinauf? Keine Ahnung, ein paar Stunden, hatte er gesagt. Ich begann zu packen, in Gedanken, so wie ich in Gedanken für die Feiertage eingekauft hätte einige Zeit vorher. Wie ich mit dem tatsächlichen Einkaufen dann auch das Kochen, mit dem Kochen den ersten Abend, dann die Besuche und die stillen Vormittage im Voraus absolviert hätte. Drei lange Feiertage. Nun dachte ich an Rucksack, Aufstieg und Wanderung. Wir mussten alles mitnehmen, Schlafsack, Handtuch, Brot, Milch, Wein. Ich packte und war erschöpft. Viktor wollte nur einen Pullover mitnehmen, ich erlaubte mir ein Buch für die Fahrt.

Ich wünschte mir eine Reise, die länger dauert, als man Zeit hat

Wir müssen eine Karte kaufen, sagte ich zu Viktor. Das Haus ist ausgeschildert, sagte er, außerdem kennt den jeder dort, das Gebirge ist nicht groß. So klein kann kein Gebirge sein, sagte ich. Guck doch in den Atlas, meinte er. Ich sah auf die Seite und fand alles plötzlich langweilig. Ein langweiliges Gebirge in langweiligem Grün, langweilige braune Schatten und blaue Linien, langweilige Feiertage in abgelegener Gegend. Okay, sagte ich und schlug den Atlas zu. Viktor schwieg, setzte sich die Kopfhörer auf und schloss die Augen. Ich überlegte, ob ich die Reise absagte, ob ich sagte, ich komme nicht mit, willst du nicht allein fahren, frag Kurt oder fahr einfach allein. Ich hätte zu Viktor gehen und ihn rütteln müssen, er hätte mich angesehen, und ich hätte mit einer Geste auf die Kopfhörer gewiesen. Er hätte sie abgesetzt, und die Unterhaltung wäre bereits beendet gewesen. Was ist denn?, hätte er gefragt, und ich hätte geglaubt, doch in diesem Moment schon alles gesagt zu haben. Er hätte doch merken müssen, wie müde ich bin. Er hätte doch wissen können, dass ich das nicht mag, eisiges Wasser und kein Mensch in der Nähe außer einem alten Kauz. Aber Viktor hatte die Augen geschlossen und hörte Musik. Ich sah ihn an und wartete. Ich saß, als ob ich auf ein besonderes Geschenk wartete, auf ein Wunder, ein Märchen. Ich hatte einmal zu Weihnachten ein Puppenhaus geschenkt bekommen, groß wie ein Möbelstück. Ich hatte nicht gesehen, dass meine Eltern einen Karton in die Wohnung getragen hatten, dass sie versucht hatten, etwas zu verstecken. Das Puppenhaus war plötzlich da, vier Zimmer und ein rotes Dach. Ich hatte nie gesagt, dass ich so eines wünschte. Ich hatte nun ein Puppenhaus und hatte es die ganze Zeit gewollt.

Hier ist Nichtraucher, sagte ich zu dem Mann, der neben Viktor saß. Er sagte na und? und blickte mich an. Ich hätte ihn anschreien mögen, raus oder hau ab, und hätte dann doch geheult. Ich saß am Fenster, Viktor gegenüber, und roch die staubigen Gardinen und stickigen Polster. Die Fensterscheibe war eingerahmt von einem schwarzen schmutzigen Rand. Wie eine Blende, die sich langsam zuzog. Das Abteil war voll besetzt, und nun rauchte einer. Die Fahrt dauerte noch drei Stunden. Die Polster waren beige und braun kariert, die Armlehnen ungewöhnlich breit. Viktor zog die Augenbrauen hoch, was immer hieß, da kann man nichts machen. Er zog die Augenbrauen hoch, wenn er sehr spät nach Hause kam und nach Likör roch. Er zog sie hoch, wenn sein Konto nach zwei Wochen leer war. So hatte er mich angesehen, als wir uns kennen gelernt hatten. Er nahm eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an. Auf dem Bahnhof in Liberec sprachen wir kein Wort. Wir warteten zwanzig Minuten auf den Zug nach Tanvald, fuhren, und ich wünschte mir das Gebirge nun. Den Schnee und die kalte Luft. Ich wünschte mir eine Reise ganz weit weg, zu klarem Wasser und freundlichen Leuten, eine Reise, die länger dauerte, als man Zeit hatte. Ich wünschte mir einen Ort, an dem man gern war, an den man sich erinnern konnte und immer wieder zurückkehren.

In Tanvald stiegen wir aus, und Viktor ging los. Du kennst doch den Weg gar nicht, sagte ich, aber er meinte, wir versuchen es hier hinauf. Viktor lief. Eine Straße, ein schwarzer hoher Wald wie um abzutauchen. Der Rucksack drückte auf meinen Rücken, er zog an meinen Schultern. Ich drehte mich um und sah einen Mann, bepackt wie wir. Viktor, rief ich, der hat bestimmt den gleichen Weg. Dann kann er uns ja folgen, sagte er. Wir liefen auf Asphalt. Ich dachte an Autos und Reifen und Sitze. Man konnte nichts sehen von einer Hütte, der Wald war wie ein dichter Vorhang, ein Eintrittstor in eine abgeschirmte Welt. Viktor blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an. Der Mann holte uns ein und lächelte. Wollt ihr auch zu Gustav Ginzel, fragte er, und ich sagte ja. Dann kann ich es nicht verpassen, meinte er. Wir wissen es auch nicht genau, sagte ich ihm, wir haben keine Karte und waren noch nie hier. Viktor lief wieder los. Es sah aus, als ob er jetzt in Zeitlupe liefe, er schwebte bei jedem Schritt etwas aufwärts und setzte dann federnd auf. Der Weg wurde auf einmal weniger unumkehrbar. Der Mann stand neben mir, freute sich, Begleiter gefunden zu haben, und Viktor ging. Der Mann sah mich an, dann Viktor und sah wieder zu mir. Er sprach immer weiter dabei, erzählte von seinen Bemühungen, den Weg genau beschrieben zu finden. Ich sagte immer nur, ja, das habe ich auch versucht, und blickte zu Viktor. Schließlich folgten wir ihm, der Mann und ich. Er hieß Sven.

Sven reiste allein. Er hatte einen Rucksack, der sich wie ein Buckel auf seinem Rücken wölbte, und trug in einer Hand einen kleinen Korb. Was hast du da drin?, fragte ich ihn. Die Lebensmittel, sagte er, im Rucksack wären sie zerquetscht worden, der Käse und das Brot, es war auch kein Platz mehr. Wir unterhielten uns über unsere Reisen, über die Bücher, die wir gelesen hatten, über Zuckerwatte in Prag. Wir sprachen, und plötzlich sagte Viktor, kennst du das U Fleku? – Ich war einmal da, aber es war sehr voll. Ich habe über eine halbe Stunde gewartet, es wurde nichts frei. Viktor lachte, da ist es immer voll, ist doch kein Wunder, sie haben eben das beste Schwarzbier. Außerdem musst du um deinen Platz dort kämpfen, manchmal muss man sich in die Bank drängeln. Kann schon sein, sagte Sven, ich habe das nicht so gemacht. Vielleicht ändert sich in dieser Kneipe einmal etwas, und es geht kaum noch jemand hin. Das glaube ich nicht, meinte Viktor.

Die Straße war zu Ende. Ein Schlagbaum trennte den Asphalt vom Waldgebiet. Unsere Schritte wurden hörbar auf dem festgetretenen Schnee. Es knautschte bei jedem Tritt. Ich öffnete meine Jacke und behielt die Mütze in der Hand. Wenn wir eine Pause machten, würde ich sie im Rucksack verstauen. Der Atem wurde heiß, wir verlangsamten unseren Schritt und liefen durch Weiß. Der Wald sah aus wie eine Wartestation für Bäume, die auf Bewegung hoffen, entkleidet, betäubt, abgestellt. Ich mochte diesen Wald nicht, er war dunkel und zugleich viel zu hell. Wir schwiegen. Viktor ging voraus. Auf der Lichtung versanken unsere Schuhe im Schnee wie in einem tiefen Teppich. Darunter schien Eis, Stein oder Beton zu liegen. Die Baumschule konnten wir überblicken, ein großes Quadrat, dahinter wieder Wald. Wind kam auf. Ich hörte Wasserrauschen, leises Geplätscher. Ich drehte mich um und sah Bäume, dann Sven, dann Viktor. Hört ihr das?, fragte ich. Viktor und Sven sagten, nein, da ist nichts. Ich hörte ganz deutlich Wasser, stetig fließend. Ich trat an einen Baum und blickte am Stamm hinab. Er stand mehr als zwei Meter tief im Schnee, ich sah deutlich den braunen Boden, überspült von klarem Schmelzwasser. Wir standen auf einer zwei Meter dicken Schicht Schnee, die von Wasser getragen wurde. Wir würden einbrechen vielleicht und dann festsitzen in einem tiefen Loch, umgeben von Schnee.