Manche Fragen sind dazu da, gestellt, nicht beantwortet zu werden. Diese gehört dazu. Denn sie beruht auf der stillschweigenden Annahme, am Ende des Jahres 2003 wüsste ein größerer Teil der Bevölkerung, was Nanotechnik ist – also die Arbeit mit Strukturen in der Größenordnung weniger millionstel Millimeter. Tut er aber nicht. Meine spontane, nicht repräsentative und unwissenschaftliche Umfrage auf dem Probenabend eines Gospelchores, der Adventsfeier eines Gymnasiums, dem Trainingsabend einer Volleyballmannschaft und einem Anruf beim Statistischen Landesamt ergaben überwiegend Fehlanzeige. Der Begriff ist etwas für Spezialisten in den Laboratorien, technologiepolitische Hoffnungsträger und Organisationen der Forschungsförderung.

Wie wird das 2010 sein? Vielleicht erinnern sich die Fachkundigen gerade noch an diesen Begriff. Wenn die Prognosen eines raschen Wachstums und einer starken Durchdringung dieser Technik stimmen, wird sich bis dahin die Begrifflichkeit in ihre Bestandteile zerlegt haben. So haben wir es immer erlebt – ein neuer Forschungskomet taucht am Sternenhimmel auf und benötigt einen Namen. Bis er aber näher rückt, hat sich das Gebiet bereits ausdifferenziert. Der Begriff "Biosensoren", ein anderer Hoffnungsträger der ausgehenden 1980er Jahre, taucht in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen ab Mitte der 1990er Jahre kaum noch auf. Das bis dahin breit entwickelte Gebiet verwendet eine spitzfindigere Terminologie. Genauso kann man es bei der Nanotechnik erwarten. Zurzeit dient der Begriff zur Bezeichnung einer Sammlungsbewegung aus ohnehin laufenden Forschungsarbeiten, damit die Politik und die Öffentlichkeit es besser zu verstehen glauben. Aber die wissenschaftliche Basis dessen, was unter diesem Schlagwort neu erforscht werden soll, ist mindestens fünf, wenn nicht zehn oder mehr Jahre alt und hieß auch schon anders.

An eines wird man sich 2010 aber wohl erinnern, was heute nicht in der Debatte ist: Die Nanotechnik verspricht nicht nur viele Chancen, sondern birgt auch Risiken. Nanopartikel, die kleiner sind als Viren, dringen ungehindert in lebende Zellen ein. Sie können sogar über die bislang für Medikamente nahezu unüberwindliche Blut-Hirn-Schranke hinweg in das zentrale Nervensystem vordringen. Das kann man natürlich vorteilhaft nutzen, um medizinische Wirkstoffe ebendorthin zu schleusen. Doch unter den Nanopartikeln finden sich auch Schwermetallmoleküle. Das Problem dabei ist, dass der momentane Forschungsstand eine realistische Abschätzung dieser Gefahren nicht zulässt. Das wird sich wohl ändern bis 2010. Wie immer trottet die Abschätzung der Gefahren den Versprechungen einer neuen Technik einige Jahre hinterher.

Hariolf Grupp, Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI), "Vater" der Delphi-Studien zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands