Ich kann nicht länger schweigen! Hart war mein Schicksal, das mich einst, ohne mein Zutun, und selbst gegen meinen Wunsch, auf einen Platz stellte, um den mich Tausende unverdient beneideten – und mich dann, nachdem es mich durch die feineren Reize des Lebens verwöhnt, plötzlich von der Höhe des Hofes in die Tiefe einer dreijährigen Gefangenschaft hinabstürzte. Ich ertrug dieses Schicksal; was erträgt der Mensch nicht! Auch wandte es mir nachher wieder sein holderes Antlitz zu; ich erhielt meine Freiheit und trat jetzt in den Stand der goldenen Mittelmäßigkeit." Und doch ist es ihr nicht vergönnt, sich in dieser "goldenen Mittelmäßigkeit" einzurichten. 1808, zwölf Jahre vor ihrem Tod, sieht sie sich gezwungen, eine Rechtfertigung zu verfassen – als Antwort auf all die Verleumdungen, Schmähreden und bösartigen Gerüchte, mit denen ihr Name immer noch besudelt wird.

Die Gräfin Lichtenau, gewesene Wilhelmine Enke, geschiedene Ritz. Immer neue Legenden haben den Namen überwuchert, und es ist kaum mehr zu erkennen, wer sie wirklich war. Fest steht nur eins: Sie wurde die große Liebe eines Königs, die Lebensliebe Friedrich Wilhelms II. von Preußen.

Noch als Kronprinz hatte er sich nach nur vier Jahren Ehe von seiner ersten Frau, der Prinzessin Elisabeth Christine Ulrike von Braunschweig-Wolfenbüttel, scheiden lassen. Man kannte allenthalben seine Vorliebe für französische Schauspielerinnen und Tänzerinnen, man war informiert über seine Abende im Bordell. Doch seine schöne, selbstbewusste Frau wollte nicht still dulden – sie nahm sich ebenfalls Liebhaber. Das aber war nicht zu tolerieren, denn wie leicht konnte da ein Bastard an Preußens Königshof aufwachsen und Ansprüche erheben! Die Ehe wurde geschieden, die Prinzessin in die Provinz, nach Küstrin, verbannt. Friedrich II., der Große, der – kinderlos gebliebene– Onkel des Kronprinzen, zwang seinen Neffen, bereits drei Monate nach der offiziellen Trennung erneut zu heiraten: Friederike Luise von Hessen-Darmstadt. Diese Frau interessierte Friedrich Wilhelm nicht im Geringsten (immerhin zeugte er mit ihr pflichtgemäß einige Kinder, so den Thronfolger, den späteren König Friedrich Wilhelm III.). Denn seit seinem 22. Lebensjahr gehörte das Herz des dicklichen Jünglings nur einer: Wilhelmine Enke, Tochter eines Potsdamer Gastwirts, der gleichzeitig im königlichen Hausorchester das Horn blies.

Geboren im Dezember 1753 in Dessau, kommt sie schon als Kind mit ihrer Familie nach Potsdam. Hier wächst sie im Haushalt ihrer wesentlich älteren Schwester auf, die als "Figurantin", also als Statistin im Theater auftritt und manchen reichen Gönner hat. Einer von ihnen ist der Kronprinz.

Wie immer Friedrich Wilhelm auf die kleine Schwester aufmerksam wird – auf jeden Fall verliebt er sich jäh in das hübsche Kind, bringt sie, die sich offensichtlich im Haus der Schwester vernachlässigt fühlt, bei vertrauenswürdigen Leuten unter – den Eltern ihres späteren Schein-Ehemanns Johann Friedrich Ritz – und kümmert sich um Wilhelmines vernachlässigte Ausbildung. Friedrich Wilhelm engagiert Lehrer, taucht aber auch selbst regelmäßig bei ihr auf, um mit seiner geliebten Kleinen die Klassiker zu lesen: Racine, Corneille, Molière – und Shakespeare in deutscher Übersetzung.

Der Geist des Sohnes erscheint und beschwört den König

In ihrer Apologie 1808 hat sie beteuert, wie wichtig ihr diese Unterweisung war: "Begreift das Publikum, dass es keine Prahlerei ist, wenn ich sage, dass unter tausend Geliebten der Fürsten, welche die Geschichte aufweist, vielleicht nicht eine ist, die sich mit mir vergleichen lässt? Sie können mich an Reizen des Körpers, an Vorzügen des Geistes bei weitem übertroffen haben: aber ihr Geist war nicht durch den Geliebten selbst gebildet; dieser hatte nicht den Wonnegedanken, darauf als auf sein eigenes Werk zu blicken; nicht den süßen Gedanken, diese oder keine wird mir als Schülerin, als dankbare Freundin treu bleiben bis in den Tod!"

Als sie 15 wird, schickt sie der royale Pygmalion zur Vervollkommnung ihrer Bildung nach Paris; hier erhält sie den letzten gesellschaftlichen Schliff. Ihre Gegner behaupteten später allerdings, sie habe im großen Sünden-Babel, bei Kurtisanen, Unterricht in der süßen Kunst der Liebe genommen, um den Kronprinzen ganz in ihren Bann zu schlagen.