Ich weiß nicht, ob das zur Literatur gehört (man müsste Reich-Ranicki fragen), aber in Wasserburg, am Bodensee, war den ganzen oder den halben Sommer über, bis in den September hinein, in einem kleinen Museum am Wasser, dem so genannten Malhaus, und noch zusätzlich zu einer kleinen Dauerschau über seine hiesige Jugend, eine Ausstellung über Martin Walser zu sehen. Walser ist in Wasserburg geboren (am Bahnhof, sein Vater war Gastwirt dem Bahnhof gegenüber), vielleicht bedeutet es manches, am Bodensee geboren zu sein, denn Walser wohnt immer noch am Bodensee, in Nussdorf jetzt, während Hermann Hesse zum Beispiel, aus dem Schwarzwald und aus Basel aus freien Stücken an den Bodensee gekommen, diesen doch nach einigen Jahren fast fluchtartig wieder verließ.

Dagegen aber wieder der Dichter Horst Wolfram Geissler, der bei Dresden geboren wurde, viele Jahre in München und dann zwar an einem See, doch an einem völlig anderen, nämlich dem oberbayerischen Pilsenersee wohnte, sich aber hier in Wasserburg am Bodensee wenigstens begraben ließ, womöglich aus Liebe zu einer Figur, die er in der Frühzeit seiner Karriere einmal geschaffen hatte, dem lieben Augustin, 1921; diesen famos fröhlichen Burschen lässt der Dichter, in napoleonischen Zeiten, aus Mittenwald an den Bodensee kommen, wo er, in Lindau, nachdem er zu Hause natürlich eigentlich das Geigenbauen gelernt hat, Spieldosenmacher wird, ich glaube aus Leidenschaft zu einer Engländerin, Anna Holiday, die eine schöne Spieldose hat; irgendwann, aus Liebe, aus der nichts werden darf, denn Friederike ist Fürstäbtissin, wird er krank, der berühmte Mesmer, dessen Mesmerismus ja auch in einer grausigen Geschichte Poes (Der Fall Valdemar) eine Rolle spielt, heilt ihn, er heiratet, seine Frau stirbt, und er lebt in Lindau (einen Inselzipfel Lindaus sieht man von Wasserburg aus) und stirbt schließlich auch, selig schon auf der Erde, nämlich in den Armen jener Frau, die er damals nicht hatte haben dürfen, und im vorletzten Satz nun der Bodensee: "…ich geh jetzt auf eine lange Wanderung – der See glänzt so still, der Himmel ist wie ein Beet voll dunkler Veilchen, und auf den Uferwiesen blühen die Kirschbäume im letzten Licht. Alles ist herrlich leicht und ohne Erdenschwere…", sagt er, dann stirbt er wirklich; und Geissler also, der ihn schuf, liegt nun auf dem schönen Wasserburger Friedhof begraben, gleich links wenn man hineinkommt, noch unter den südlichen ausladenden Ästen der großen Friedenseiche von 1871, die vor dem Friedhof steht.

Die Grabplatte ist eine gegiebelte Mauer hinten, marineblau getüncht, eine Farbe, die sehr selten auf Friedhöfen ist, auf dem Blau ein doppelt goldgerändertes marzipanfarbenes stehendes Oval mit seinen Lebensdaten: 30. 6. 1893 – 19. 4. 1983, ein schönes Alter; und darunter ein schmales, wieder marzipanenes Rechteck, darauf: Ehrenbürger der Gemeinde Wasserburg. Neben sein Grab hatte man 20 Jahre vorher unter einen unbehauenen Granit einen Kollegen gelegt, auf seinem Stein steht: Max Zeibig, Dichter der sächsischen Heimat, und die Daten: 2. 4. 1889 – 18. 5. 1963 (ich füge, aus dem Internet-Antiquariat, einige Titel an: Bunte Gassen, helle Straßen; Überm Gartenzaun; Schöne Dorfstunden; Deutsche Wanderfahrt; Ein Korb Kirschen; Lob der Lausitz).

Wie Hälse ertrunkener Schwäne

Und um das alles zu vervollständigen, so ruht drei Gräber weiter ein anderer Ehrenbürger Wasserburgs, nämlich der Oberpostinspektor Ludwig Zürn, er lebte von 1867 bis 1943, und ganz sicher, woher sonst diese Ehrenbügerschaft, ist er jener Ludwig Zürn, aus dessen vielbändiger Ortschronik man schöne Stellen lesen kann, wo es, in Bildlegenden etwa, in der Dauerausstellung über Martin Walsers Jugend in Wasserburg, oben im zweiten Stock des Malhauses, zum Beispiel um das Wetter geht, das herrschte (ein Schneewind, wie ihn so noch keiner erlebt hatte), als man Walsers Großvater seinerzeit zu Grabe trug. Und schließlich, noch einmal auf dem Friedhof jetzt (wo ich aber Walsers Großvater nicht gefunden habe), steht da etwas Denkmalähnliches, mit einer Büste unter einem steinernen Dach, darstellend, diese Büste, den württembergischen Kapellmeister Peter von Lindpaintner, der 65-jährig im Jahre 1856 in der Nachbargemeinde Nonnenhorn gestorben ist.

Der schöne Friedhof, um die Kirche herum, am Ende der Halbinsel, ist auf der Seeseite mit einer zinnenbesetzten Mauer befestigt, man hat auf den See, drüben auf das Ufer und die Berge mit dem Säntis dahinter beinah einen so schönen Blick wie von der mit drei Bänken ausgestatteten kleinen Kanzel aus, neben dem Friedhof, die wiederum dem Ehrenbürger Geissler ihren Namen verdankt, wie auch der Platz vor dem Friedhof, von dem aus man, wenn man vor dem Friedhof rechts abbiegt, auf die kleine stille Kanzel kommt (eben lese ich noch in einer alten Ausgabe von Riemanns Musiklexikon, dass Lindpaintner 21 Opern geschrieben hat und in Nonnenhorn eher zufällig starb, nämlich auf einer Ferienreise; das gibt es also auch).

Schön noch manchmal (denn die Sonderausstellung über Walser ist ja jetzt zu) in sehr frühen Morgenstunden (hinter dem Hotel, in dem ich wohnte, würde noch jenes Schwanenhaus stehen, über dessen Abriss Walser seinerzeit so wütend wurde, dass er ein ganzes Buch darüber schrieb) das gewaltige Geräusch flügelschlagender Schwäne, wenn sie aus dem Wasser aufsteigen wollen. Ein merkwürdiges Leben im Grunde ja auch, dauernd so im Wasser, den Hals hinab dann, dann wieder oben, und hin und her geschwommen, aber dann eben in der Frühe manchmal dieses gewaltige Flügelschlagen, wenn sie das Wasser leid sind. Und als ich einmal noch Aal kriegte (ab September scheinen sie geschützt zu sein, im Bodensee leben sie ohnehin nur von Menschenhand, denn wegen der Staustufen des Rheins gelangen sie nicht mehr hinauf in den See, nun werden sie immer wieder eingesetzt, gefangen, gegessen – bis August –, wieder eingesetzt und so weiter), kamen mir die Schwäne in den Sinn; Aale, träumte ich, dunkle Hälse ertrunkener Schwäne.

Sonst ist im Malhaus auf einem der ausgestellten Fotos in der Walser-Ausstellung noch Walser zusammen mit seinem Bruder zu sehen, sie schauen sich gemeinsam vor einer Wand im Malhaus ein Foto der Ausstellung an (womöglich dieses); Walsers Bruder schreibt sowenig Bücher wie etwa Heideggers Bruder, ein Trinker im oberen Wiesental, philosophierte; vielmehr ist er ein großartiger Hotelier am Rande Wasserburgs, und ich bin sicher, dass Aal wunderbar bei ihm geschmeckt hätte, aber leider war eben die Zeit für die Aale (jedenfalls die gebratenen oder auch grünen) vorbei. Wie alt werden eigentlich Aale?

Ob mit Hund oder staatstragend

Denn ich frage mich, ob man nun im nächsten Jahre jene Aale kriegt (wenn man welche essen will), die bis Ende August jetzt nicht gefangen worden sind, oder ob da wieder neue sind, die man vielleicht in diesen Nächten jetzt gerade einsetzt. Aale sind ja so geheimnisvolle Tiere, ein bisschen wie Schwäne fast… Martin Walser übrigens, finde ich, ist ein großartiger Mann, ein großartiger Schriftsteller (sieht auch großartig aus, finde ich, und egal, ob einfach mit Hund am Wasser oder irgendwie staatstragend mit Ordensband und allem); und keiner, der ein halbes Jahrhundert schreibend mitmacht wie er, kann doch nur Bücher geschrieben haben, die jeder lobt, so was gibt es gar nicht, es wäre irgendetwas faul im Lande, wenn es so etwas gäbe… (die französischen Schriftsteller machen immerzu solche drei Punkte, das ist wunderbar, ich glaube, ich gewöhne mir das auch an).