Am 31. Dezember wird es ernst für Axel Martinsteg aus Hetlingen bei Hamburg: Dann ist wieder Silvester. Es ist sein neuntes oder zehntes dieses Jahr, genau weiß er es selber nicht. Seit Wochen braust der 40-Jährige durch Deutschlands Großdiskotheken von Eisenach bis Eckernförde: als "Stimmungskanone Axel" mit "Silvester auf Probe". Die Show beginnt kurz vor oder nach Mitternacht, wenn alle da sind, bis zu zweitausend junge Leute, manchmal mehr. Zwölfe schlägt’s um zwei: Es regnet Konfetti, das Publikum bewirft sich gegenseitig, man kann vor Konfetti gar nichts mehr sehen, die Luft besteht aus Konfetti.

Und dann geht das Licht aus. Dunkeltanz. Alle holen ihr Knicklicht hervor, einen transparenten Plastikschlauch, der – einmal kräftig gekniffen – stundenlang leuchtet. Die Leiber dampfen, der Saal glimmt, "ein tolles Bild", schwärmt Martinsteg. Er hat noch anderes im Angebot: Beachparty, Spanische Nächte, Oktoberfest, Miss- und Misterwahlen, Frauen- und Männerversteigerung, "alles, was mit Singles zu tun hat", aber Silvester auf Probe ist ihm besonders lieb. "Weil Silvester der einzige Tag im Jahr ist, an dem eigentlich alle Leute gut drauf sind." Und wer zum Probefeiern komme, würde unbewusst diese Stimmung mitbringen – was ihm die Aufgabe erleichtere. Denn die 20-, 25-Jährigen heute wollten ja cool sein, "cool ist gerade in", und um aus sich herauszugehen, um die Arbeit oder die Arbeitslosigkeit für ein paar Stunden zu vergessen, brauchten sie "einen Schubser". Einen Unterhaltungskünstler. Ihn.

An der Schweineorgel. Norman Diercks betreibt in Hamburg eine "Agentur für alles". Aufwärmen ist seine Spezialität, "das Publikum eingrooven", zum Beispiel, wenn die Hamburg Freezers in der Color Line Arena gegen die Kölner Haie zum Eishockeykampf auflaufen. Bei solchen Anlässen ist er – wie er selbst das nennt – "der Schweineorgelmann" und beschallt die Halle mit rockigem, hartem Punk. Zwanzig Jahre Erfahrung hat er als DJ auf Festen aller Art…

Hat sich über die Jahrzehnte etwas verändert? "Nein", meint er, "eigentlich nichts. Zum Tanzen immer wieder dieselben verbotenen Songs: It’s Raining Men. I will survive, Celebration, Pata Pata… Ich bin froh über jede Party, auf der ich das nicht spielen muss."

Doch, ja, etwas habe sich schon getan: Die großen Feste heute zerfielen zusehends in zwei Teile. Erst soll es ganz offiziell sein, alle kommen im Smoking, es gibt Ansprachen und großes Essen, danach soll es superlocker sein, dunkel, mit Flackerlicht, Tanz und Bar, "dabei passt ein Bankett eigentlich nicht in die Disco". Nun, möglicherweise ist dies dem allgemeinen Trend zur Szenenkonvergenz geschuldet. Keine flotte Ausstellungseröffnung mehr ohne Plattenauflegen, kein zeitgemäßes Griechenrestaurant ohne gelegentliche Live-Musik, keine hippe Dichterlesung ohne Diaprojektion.

DJ Norman zieht für sich die gegenteilige Konsequenz. Zu seinem 40. Geburtstag schenkt er sich eine Party "wie früher". Leeres Büro an der Elbchaussee, Chips und Salzstangen, keine Stühle, nicht groß einladen, Anlage rein und aufdrehen, tanzen – "lustig und ungezwungen". So bleibt ihm vorab als Sorge nur: "Reicht die eine Toilette für 200 Leute?"