"Ihr Unglücklichen seid, Land, du bist zu beklagen! / Du entsetzliche Ansammlung, ach, aller Plagen!" – das sind Worte Voltaires aus seinem Gedicht über das Lissaboner Erdbeben von 1755. Die Katastrophe forderte 30000 Tote, und die Szenen, die der angebliche Spötter beschrieb, sind erschütternd. An sie erinnern die Bilder aus diesen Weihnachtstagen, darunter auch dasjenige einer Frau, die nach Gott ruft.

Doch anstatt den Leidenden hinterherzuwerfen, sie seien eben dem Zorn Gottes anheim gefallen – letztlich also: seinem gütigen Willen –, stellte der Philosoph den Sinn der angeblich gottgewollten Ordnung infrage. Wie kalt dagegen räsonierte Immanuel Kant wenige Jahre später zum selben Thema: „Die Betrachtung solcher schrecklicher Zufälle ist lehrreich. Sie demütigt den Menschen dadurch, dass sie ihn sehen lässt, er habe kein Recht oder zum wenigsten, er habe es verloren, von den Naturgesetzen, die Gott angeordnet hat, lauter bequemliche Folgen zu erwarten.“

Erdbeben zeigen, dass es Mächtigeres gibt als den Menschen, Unbezwingbares, weshalb sie seit je der Gottheit zugeschrieben wurden. Poseidon, der erst später zum Meeresgott wurde, war ursprünglich der brutale Beweger der Erde, ein mitleidloser Berserker, ungehemmter Bruder des Zeus, den niedergekämpften Titanen eigentlich näher als den olympischen Verwandten. Sein Beiname ist seismòs, der Erschütterer.

Auch der Gott der Bibel lässt die Welt beben. „Die Erde tat sich auf“, heißt es im 106. Psalm, „und verschlang Dathan und deckte zu die Rotte Abirams“ – und damit die Anführer einer politischen Rebellion gegen Moses. Am Jüngsten Tag bebt die Erde erst recht, ob nach der Bibel oder nach dem Koran.

Erdbeben führen dem Menschen seine Verletzlichkeit vor Augen. Doch so fragil das einzelne Leben ist, so unverwüstlich erscheint doch die Gattung. Das Geschehen im iranischen Bam ist, historisch gesehen, ein Ereignis minderer Stärke. 1920 und 1927 kamen bei chinesischen Beben jeweils 200000 Menschen um, 1850 waren es bei der Katastrophe von Sichuan sogar 300000. Das chinesische Tangchan-Beben von 1976 forderte 655000 Menschenleben, und das wohl verheerendste fand am 5.Juli 1201 in Ägypten und Syrien statt, ihm fielen mehr als eine Million Menschen zum Opfer.

Neu aufgebaut hat der Mensch noch jedes Mal. Naturkatastrophen machen die Grenzen zwischen Nationen oder Kulturen durchlässig. Im Leid sonst so fremder Menschen erkennt man sich selbst – und leistet Hilfe. Heutzutage trägt das Fernsehen dazu bei. Gut erinnerlich ist das Beben im türkischen Izmit bei Istanbul (1999), das eine Welle der Hilfsbereitschaft in Griechenland auslöste, trotz aller Feindschaft. So ist das im Katastrophenfall: Der Mensch zeigt seine Sorge um den Mitmenschen, gleichgültig, ob der irgendwie anders aussieht, spricht, heißt oder betet. Der Altruismus gehört eben doch zur Innenausstattung. Nur deswegen kann man überhaupt den Egoismus beklagen.