An Weihnachten besuchte der brasilianische Fußballstar Adriano Ribeiro Leite seine Heimatstadt Rio de Janeiro. Mit einigen Helfern ging er ins Armenviertel Vila Cruzeiro, wo der heute 21-Jährige aufgewachsen war. Adriano brachte Weihnachtsgeschenke für seine Freunde von früher und deren Kinder: 400 Körbe, randvoll gefüllt mit Milch, Jogurt, Käse, Tomatenkonserven und Fruchtsäften. Eine Spende von Calisto Tanzi, dem "Ritter der Arbeit", dargebracht vom besten Spieler seines italienischen Erstligaklubs AC Parma. Tanzis letzte noble Geste mit dem Markenzeichen Parmalat.

Inzwischen ist Adriano wieder in Italien. Er wird nicht mehr für den AC Parma spielen, denn sein Club muss ihn in Windeseile verkaufen, um die drohende Pleite abzuwenden. Parmas Schicksal ist ungewiss, seit das Mutterunternehmen Parmalat – einer der größten Lebensmittelkonzerne Europas – in einen gigantischen Bilanzskandal verstrickt ist. Es geht um Fälschung und Selbstbereicherung im Wert von mehreren Milliarden Euro – die genaue Schadenshöhe ist bislang nicht abzusehen.

Parmalat-Gründer Calisto Tanzi befindet sich im Mailänder Gefängnis San Vittore, jener Haftanstalt, in der vor etwas mehr als einem Jahrzehnt bereits Dutzende italienischer Unternehmer einsitzen mussten. San Vittore wurde zum Symbol der "Operation saubere Hände", die viele Protagonisten der politischen und ökonomischen Führungsriege Italiens der Korruption überführte.

Eigentlich schien diese Zeit längst vergangen. Diese Epoche, in der sich Parteien auflösten und ein schillernder Wirtschaftskapitän wie Raul Gardini vom Ferruzzi-Konzern Selbstmord beging, um sich der Schmach des Gefängnisses zu entziehen. In der der frühere Premier Bettino Craxi rechtzeitig im tunesischen "Exil" abtauchte. Doch das Italien der korrupten Eliten, eigensüchtigen Familienclans und selbstherrlichen Unternehmer ist nicht tot.

Heute regiert Silvio Berlusconi das Land, Italiens reichster Unternehmer. Vor kurzem hat er das Grab seines Freundes Craxi in Hammamet besucht. Eine der ersten Amtshandlungen Berlusconis war es, den Straftatbestand der Bilanzfälschung zu einem Kavaliersdelikt zurechtzustutzen, das schnell verjährt. Er hat sich mit mehreren auf ihn zugeschnittenen Gesetzen der Strafverfolgung durch die Mailänder Staatsanwälte entzogen, die er regelmäßig als Kommunisten beschimpft. Seine Firmenholding Fininvest wurde zum Börsengewinner des Jahres 2003.

Calisto Tanzi war weniger erfolgreich. Dabei ist auch er einer der Berlusconi-Boys, Männer im Alter zwischen 60 und 70 Jahren, die scheinbar aus dem Nichts riesige, weit verzweigte Unternehmen aufbauten und sich dabei politischer Verbindungen bedienten. Die auf nichts anderes vertrauten als auf ihre eigene, unternehmerische Kraft, die sie für stärker hielten als Recht und Gesetz. Schließlich hatte der Staatspräsident sie geadelt und ihnen sogar den Titel "Ritter der Arbeit" verliehen, den sie ihrem Namen voranstellen durften. So auch Tanzi. "Nicht Freiheit, nicht Macht, nicht Geld. Am wichtigsten ist mir meine eigene Konsequenz", war der Lieblingsspruch des ansonsten schweigsamen Unternehmers, der mit Milchprodukten groß wurde und den sie in Italien nur "den Milchkönig" nennen.

Tanzi, Berlusconi und der vor Jahresfrist mit dem Lebensmittelunternehmen Cirio untergegangene Römer Sergio Cragnotti waren die Stars der neunziger Jahre. Sie repräsentierten das moderne Italien, während Patriarchen vom Schlag des Fiat-Chefs Gianni Agnelli im eigenen Snobismus zu erstarren drohten. Die Neuen waren zupackend, kreativ und international. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend – Berlusconis Vater war Bankangestellter, Tanzis Vater pökelte Parmaschinken –, schafften sie es ganz nach oben. Nach Agnellis Vorbild kauften sie sich auf der Höhe ihrer Macht Fußballclubs, die sie ihren Kindern als Spielzeug überließen. Was für Berlusconi der AC Mailand ist, dessen Sieg in der Champions League Millionen von Italienern im Mediaset-Fernsehen des Regierungschefs verfolgen durften, waren für Cragnotti der Tradionsklub Lazio Rom und für Tanzi der AC Parma. Sein Sohn Stefano, den der Alte immer nur "das Kind" nannte, führte nominell den Klub, der zweimal den Uefa-Pokal gewann. Tochter Francesca durfte sich hingegen in einem vom Vater gegründeten Reiseunternehmen austoben.

Die Tanzi-Kinder tauschten mit den Cragnotti-Kindern gern Spieler aus. Beide Familien betrieben nach Berlusconis Vorbild Kundenbindung durch den Volkssport Fußball. Tanzi sponserte Klubs in Brasilien, Venezuela, Nicaragua und Russland. Als in Argentinien der Markt für Parmalat-Produkte ausgebaut werden sollte, verpflichtete der AC Parma die argentinischen Weltklassespieler Hernan Crespo und Juan Sebastian Veron. Später gingen sie zu Lazio. Als für Parmalat dann Brasilien wichtiger wurde, kam Adriano. Wenn die Römer gegen Parma spielten, hieß das Match in Italien "Milchderby" – denn neben Kickern verschoben Tanzi und Cragnotti auch Molkereien.