Der junge Assistent im Fach Bodenkunde hatte keine politischen Hintergedanken, als er sich Mitte der fünfziger Jahre das Thema seiner Habilitation aussuchte: Stoffaustausch zwischen Böden und Pflanzen. Kreisläufe innerhalb eines Ökosystems. Wie chemische Elemente von der Pflanze in den Boden gelangen und dabei verwandelt werden und zurück in die Pflanze wandern, und wie sie das System dann irgendwann wieder verlassen, mit dem Grundwasser oder als Gas. Für Laien langweilig. Langwierige, kleinteilige, abstrakte Grundlagenforschung, für die sich eines Tages vielleicht die Landwirtschaft interessieren könnte. Bernhard Ulrich war auf die Idee gekommen, weil er auf dem Weg zur Arbeit täglich an der Tür zum Bodenuntersuchungslabor vorbeigelaufen war, und mit der Zeit waren bei ihm die Zweifel über den Sinn dieser Untersuchungen gewachsen. Man forschte über die Kreisläufe einzelner Nährstoffe. Aber, so fragte er sich, müsste man nicht auch die Wechselwirkungen zwischen Nährstoffen und chemischen Elementen bedenken? Was zum Beispiel passiert, wenn im Frühling ein positiv geladenes Kalzium-Kation aus dem Boden in eine Baumwurzel wandert, mit einem negativ geladenen Chlorid-Anion in seiner Nähe? Oder wenn im Herbst die Blätter fallen und Magnesium-Kationen vom Laub in den Boden gelangen – müssen dann nicht die Nitrat-Anionen folgen? Die Elemente im System zu betrachten, das sollte das Revolutionäre seiner Arbeit sein.

Dass sich die verborgenen Paarungstänze von Anionen und Kationen eines Tages zu einem gesellschaftlichen Riesenthema auswachsen würden, zu dem jeder eine Meinung haben würde, dies war zu dem Zeitpunkt nicht abzusehen. Bernhard Ulrich war Anfang 30, promovierter Bodenkundler, angehender Professor, verheiratet mit einer Kollegin, das dritte Kind war unterwegs.

Er hatte sich für seine Untersuchungen Waldböden ausgesucht, weil diese von menschlichen Eingriffen am wenigsten berührt schienen. Im Solling, einem bergigen Waldstück bei Göttingen, hatte Ulrich mit Zoologen, Botanikern, Meteorologen zehn Jahre lang alles gemessen, was man zwischen Himmel und Erde messen kann: Die Zusammensetzung des Regens oberhalb der Baumkrone. Die Zusammensetzung des Regens unterhalb der Baumkrone. Die Bestandteile des Nebels und der Wolken, die sich vom Westen her in die Blätter senkten. Stoffproben aus Wurzeln, Stamm, Blättern, Rinde. Bodenproben aus einem halben Meter Tiefe. Aus einem Meter Tiefe. Aus zwei Metern. Mit Saugkerzen kam das Sickerwasser ans Tageslicht, Laub fiel in Plastiktrichter, bevor es den Boden berühren konnte, Hunderttausende von Messdaten wurden durch Computerprogramme geschickt. 1979, er war erst Professor geworden und dann Direktor am Institut für Bodenkunde in Göttingen, nahm sich Bernhard Ulrich ein Forschungsfreisemester, um die Daten auszuwerten.

Er sass im Arbeitszimmer im ersten Stock seines Hauses, das er sich bis heute teilt mit seiner Frau, die für das Projekt die Computerprogramme geschrieben hatte. Er arbeitete an seiner modernen IBM-Schreibmaschine mit Kugelkopf und tippte Zahlen in Tabellen. Was er dann in den Händen hielt, erschreckte ihn tief: Die Messwerte für Schwermetalle – Blei, Cadmium, Zink – und jene für Säuren – vor allem Schwefelsäure – waren hundertfach bis tausendfach höher, als sie es ohne menschliche Beeinflussung der Natur hätten sein dürfen. Von seinem Schreibtisch aus sah er auf einen Laubwald, der eigentlich ganz gut aussah. Und in diesem Moment, so erinnert er sich, lief ein blitzartiger Gedankenprozess bei ihm ab. "Plötzlich geht einem die Dimension auf, das ist wie eine Schockreaktion. Und wenn das so ist, dann musst du." Er fühlte sich verpflichtet, die Öffentlichkeit von seinen Ergebnissen zu unterrichten. "Es wird einem bewusst, dass man nichts Einfaches vor sich hat. Hältst du das durch?", fragte er sich. Man würde ihn angreifen und seine Wirkungsketten auseinander nehmen: Waren die überhöhten Werte wirklich auf menschliche Einflüsse zurückzuführen? Immerhin galt der Solling als Reinluftgebiet. Und stimmte seine Vermutung, dass die sauren Böden die Wurzeln so schädigten, dass ein Baum daran zugrunde gehen konnte? Er hatte keine Beweise, und die Wahrscheinlichkeit, dass seine Hypothese richtig war, schätzte er auf 80 bis 85 Prozent. "Für einen Wissenschaftler ist das verdammt wenig." Aber die Gefahr schien riesig. "Menschenskind", dachte er. "Wenn das stimmt, dann geht’s für den Wald aufs Ganze." Er war immer der Meinung, dass ein Wissenschaftler, der ein Risiko für die Gesellschaft erkennt, Stellung beziehen muss. An diesem Nachmittag musste er allerdings erst mal in seinem eigenen Haus Stellung beziehen. "Du bist ja verrückt", sagte seine Frau. Erst nachdem er sie überzeugt hatte – ein paar Abendessen später – wagte er sich mit seiner These in die Welt, die bereits darauf zu warten schien.