Manchmal geschehen Dinge, die mit der Welt versöhnen. Die der frechen Kalkulation widersprechen und dem neuesten Projekt, das vom nächsten Event zum vorgestrigen abgestempelt wird. Alte Männer tauchen auf, nicht wiedergeboren, da sie immer da waren, aber plötzlich wahrgenommen: "Little" Jimmy Scott, Ibrahim Ferrer oder Ruben Gonzales, vergessene Musiker wie der Tenorsaxofonist Joe Henderson oder Frauen wie Abbey Lincoln und Shirley Horn, als würden sie nicht seit 40 Jahren singen. Und sie bleiben höflich verwundert über das plötzliche Interesse und die Medienliebe, die sie da so warm umhüllt. Wer zu lange draußen stand, weiß, wie schnell es wieder kalt werden kann.

"Nur wenn du ihnen Macht gibst, können sie Macht über dich ausüben", sagt der 64-jährige Andy Bey. 22 Jahre ignorierte man ihn, bevor er 1994 in ein Studio zurückkehrte: Ballads, Blues & Bey fand 1996 begeisterte Reaktionen in den USA, und – als sei dies nicht genug – outete sich Andy Bey als schwul, als HIV-positiv. "Being gay, being black, being HIV positive…" war beinahe zu viel, und doch ging es ihm nicht darum, eine Fahne zu schwingen. "Jazz ist eine ziemlich antiquierte Männerwelt. Aber, was soll’s? Ich fühle mich freier, wenn ich weiß, dass sie es wissen. So bin ich, nimm mich, oder lass es sein. Ganz einfach." Das musste geschrieben sein, nun, die Musik.

"There may be other lips that I’ve kissed…", und er zieht die Töne samtweich nach unten in Baritontiefen oder schenkt ihnen sein schmeichelndstes Vibrato. Er kleidet den Song aus, zurückhaltend virtuos, einmal harsch, einmal sehnend, einmal lakonisch, "…but there will never be another you". Als versuche einer die Wahrheit in diesem Standard zu finden, indem er den Satz in verschiedenen Betonungen wiederholt, um zu fühlen, wie er damit am besten leben kann. Auf seiner neuen CD Chillin’ With Andy Bey bleibt er allein, begleitet sich selbst am Piano, singt er das Konzentrat von Kompositionen, die zum Great American Songbook zählen. Er macht Einakter daraus, samt Vorhang und Personen, er greift nicht nur die Akkorde dazu, er begreift das Lied als Geschichte, erzählt sie langsam, damit jeder sie versteht, sehr langsam.

Während ein Sänger wie Chet Baker den Song wie ein Gedicht hauchte, verleiht ihm Andy Bey jenen Kunst-Atem, der ihn zum Kammerspiel inszeniert. Es sind die Pausen, die Ton und Bedeutung tragen, und dachte man bisher, Frank Sinatra würde die Einsätze fast unanständig verzögern, kannte man Andy Bey noch nicht. Es ist nicht dieses "Er macht den Song zu seinem eigenen", Andy Bey lässt ihn wieder los, und die Songs sind frei. Doch in diesen fünf oder sechs Minuten klingen sie magisch, ruhen sie in ihrer Mitte. Schon der Vorläufer von 2002 – Tuesdays in Chinatown – schwebte in diesem Arrangement aus müden Klängen, die in ihrer Langsamkeit umso klarer wirken. Nebelartiges Gespinst steigt da aus Bläserklängen, punktiert vom klaren Klavier, dessen Improvisationen er oft wie einen Gegenentwurf zur Stimme führt. Da plätschert nichts in romantischen Sphären, da setzt er eher harte Sparsamkeit gegen die vibrierende Eleganz der Gesangslinien.

Es ist die lange Geschichte seiner Musik, die hier durchscheint, die Professionalität eines Jungen, der im Alter von fünf Jahren in der Kirche Klavier spielte, mit sieben durch Clubs tingelte und mit zwölf, in der Frühphase des amerikanischen Fernsehens, als singendes Wunderkind in Sendungen wie Spotlight On Harlem oder Star Time Kids auftrat. Zwei Jungen, sieben Mädchen, eine Mutter, der Vater Fensterputzer in Newark – ein Teil der Familien-Probleme löst sich, als Andy & The Bey Sisters als Gesangstrio zu mittlerem Ruhm und Einkommen kommen, 1958 nach Europa gehen und dort eineinhalb Jahre auftreten. In Deutschland singen sie in den Städten mit Air-Force-Basen, im Blue Note in Paris spielen sie mit schwarzen Emigranten wie Kenny Clarke, der Pianist Bud Powell lauscht ihnen ebenso wie Marlon Brando oder Juliette Greco. In Bruce Webers Film Let’s Get Lost über Chet Baker erscheinen Andy & The Bey Sisters in einem kurzen Auftritt, eine existenzialistische Impression in Schwarzweiß.

Und doch ist diese Shoo-bee-doo-Mischung mit ihrem Scat-Gesang und den züngelnden Tönen zu formatiert, um lange zu überdauern. 1966 trennen sich Andy Bey und seine Schwestern, schließt er sich dem politisch korrekten schwarzen Bewusstsein an, singt bei Gary Bartz und Horace Silver, begleitet die anderen, nicht sich selbst. Als er 1973 sein Album Experience And Judgement veröffentlicht, ist dies zugleich der Beginn jener 22-jährigen Aufnahmepause, in der keiner etwas von ihm will, zwei Jahrzehnte, die für die meisten Jazzsänger zum Exil wurden. Frank Sinatra galt unvermindert als Jazzsänger Nummer eins, Tony Bennett, Mel Torme, Billy Eckstine wurden von den Rockmachismos zu effeminierten Schlagersängern degradiert, jüngere Sänger erschienen eher als plattenindustriell gefertigte Duplikate von Nat King Cole denn als notwendige Stimme einer neuen Generation. In Jazzkreisen waren diese Leute wohlbekannt, aber das Publikum nahm keine Notiz. Doch die Melodieferne des Rap, die Gefühlskälte von Ambient und Techno schlugen seit Mitte der neunziger Jahre ins Gegenteil um, verhalfen Sängerinnen und Sängern samt Standards zu neuem Leben. Also feiert man die Wiederauferstehung des Jazzgesangs, also schwärmt nun die New York Times von der "Film-noir-Stimme" Andy Beys, und Aretha Franklin nennt ihn ein "wahres Jazz-Original". Mit Shades Of Bey nimmt er 1998 das zweite Album nach seiner Wiederentdeckung auf, Chillin’ With Andy Bey entsteht nun wie im Vorbeigehen, am Klavier des Vibrafonisten Wolfgang Lackerschmidt in Augsburg. Bey singt Sophistacated Lady, I’ve Got A Crush On You oder Mountain Greenery, er wechselt zwischen Kopfstimme, Tenor und gefühltem Bassbariton, sehr dunkel, sehr tief, wie es den allmächtigen Songs gebührt. "Du musst deine Technik nicht ständig beweisen", sagt er in einem Interview mit Stefan Gerdes. "Du musst dir vom Text sagen lassen, wohin der Song gehen soll." Also bekommen wir nun in Überfülle, was wir jahrzehntelang in Jazzclubs, Hotelbars oder auf Konzertbühnen vergeblich gesucht haben. Einen samtenen Sänger, der uns seine Stimme gibt – für die tiefen Sentimentalitäten, die unverbindlichen Traurigkeiten und die Leerstellen unserer Seele.

Andy Bey tritt solo in folgenden Städten auf: 8. 1. Berlin, 10. 1. Hamburg, 12. 1. Augsburg, 13. 1. Wien, 15. 1. München, 16. 1. Nürnberg, 20. 1. Köln