Corbis verfügt gegenwärtig über etwa 70 Millionen Motive aus allen Themengebieten, unter ihnen auch die Nachlässe so berühmter Fotografen wie Ansel Adams oder das berühmte Bettmann-Archiv mit elf Millionen historischen Fotos. Und ein Heer erstklassiger Fotografen der Gegenwart liefert die historischen Fotos von morgen.

Hinzu komme, so argumentiert Holger Gehrmann, Geschäftsführer eines Spezialarchivs für Gemäldefotografie namens Artothek, dass "der Nutzer die Bilder bei uns um ein Vielfaches schneller bekommt, als wenn er sie bei einem kleinen oder bürokratisch organisierten Museum anfordern muss". Die Kunden, bei denen es sich überwiegend um Verlage und andere Medienunternehmen handelt, seien dankbar für das breite Sortiment – suchten sie doch in der Regel nicht nach einem konkreten Bild, sondern nach Motiven, etwa für eine Serie von Weihnachtspostkarten oder das Cover einer CD. Die Museen dagegen könnten durch die Symbiose mit einem professionellen Anbieter einen weitaus größeren wirtschaftlichen Nutzen erzielen. Gehrmann: "Das ist doch sogar im Sinne des Steuerzahlers: Die Museen erhalten Geld für neue Objekte, der Steuerzahler wird entlastet."

Die Nutzung der Rechte an Werken von Kunst und Kultur ist eigentlich durch das Urheberrecht geregelt, das selbstständige kreative Leistungen schützen will: Zu Lebzeiten verfügt der Künstler selbst über die Rechte an seinem Werk und kann sie gegen ein Honorar beispielsweise an einen Verlag abtreten. Während eines Zeitraums von bis zu 70 Jahren nach seinem Tod geht dieses Recht auf seine Erben über. Danach werden die Werke gemeinfrei, das heißt, jeder kann sie nach Belieben reproduzieren und die Reproduktionen verkaufen.

Was ist jedoch, wenn ein einzigartiges Werk im Besitz eines Museums oder eines Archivs ist? Darf ein Museum den Nachlass eines gerade verstorbenen Fotografen vermarkten, wie es der Fotograf selbst getan hätte? Und ist es uneingeschränkter Herr über die vom Museumsfotografen angefertigten Reprofotos eines bereits gemeinfreien Werkes? Können Reprofotografien überhaupt urheberrechtlich geschützt sein, da es sich bei ihnen doch um möglichst originalgetreue Kopien und gerade nicht um eigenständige kreative Leistungen handelt? Was ist, wenn jemand eine Reproduktion aus einem Buch erneut reproduziert und verkauft? Die Ansichten dazu gehen weit auseinander, die Rechtsprechung hat den Berg an urheberrechtlichen Problemen, der sich da aufgetürmt hat, noch nicht annähernd erklommen, und immer ausgefeiltere Digitalisierungstechniken sowie wachsende Speicherkapazitäten bringen neue Nutzungsformen hervor.

Im Fall der Auseinandersetzung der internationalen Bridgeman Art Library gegen die kanadische Bildagentur Corel Corporation entschied der New Yorker Richter Lewis A. Kaplan im Jahr 1999, dass die von der Bildagentur vertriebenen Reprofotos von gemeinfreien Gemälden nicht copyrightfähig sind. Nicht immer urteilen Gerichte so eindeutig, und genau das ist eine Sorge des deutschen Kritikers Graf. Er vertritt die Haltung: "Wer die Mona Lisa fotografiert, möchte mit einer fremden kreativen Leistung, nämlich der von Leonardo da Vinci, Kasse machen. Er ist gewissermaßen ein Schmarotzer, der die Begrenzung des Urheberrechtsschutzes umgehen" und dessen festgesetztes Ende 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers hinausschieben will.

Wenn die Museen als Eigentümer der Originale mit den Reproduktionen bereits gemeinfrei gewordenen Kulturguts handeln, treiben sie nach Ansicht von Graf "Raubbau an einer reichen Public Domain". Denn anstatt gemeinfrei gewordenes Kulturgut zu "remonopolisieren", müsse es – als Teil unseres kulturellen Erbes – allen zugänglich gemacht werden. Museen und Archive hätten dagegen sogar die Aufgabe, Kultur zu verbreiten, und dafür nicht mehr als die Erstattung der Herstellungskosten zu verlangen – Eigentum verpflichte schließlich.

Die Museen leiten ihr Recht an den Reproduktionen aus dem Urheberrecht am Reprofoto und aus ihrer Verfügungsmacht über das Originalkunstwerk ab. Ihre starke Stellung stammt aus einer Zeit, in der sie sich als Gralshüter der Kultur verstanden, die davor geschützt werden sollte, durch minderwertige Reproduktionen oder missbräuchliche Darstellung entwertet zu werden – etwa durch die Verwendung eines Rubens in einem pornografischen Werk. Noch immer machen viele Museen und Archive die Nutzung von Sammlungsfotos von ihrer ausdrücklichen Zustimmung abhängig, auch wenn sie die Vermarktung einer Agentur überlassen haben.