Buffalo, New York

Das Verblüffendste an Benamar Benatta ist seine Nachsicht. Wie ein Chorknabe sitzt er da in seinem olivfarbenen Nylonhemd, das ihm die Gefängnisleitung eigens für das Interview verpasst hat. Die Hände sind brav gefaltet und liegen zwei Stunden lang regungslos auf dem Tisch. Nur einmal nimmt er sie hoch, um zu zeigen, wie ihm Wärter das Handgelenk verdrehten, als er an Armen und Beinen und Hüften in Ketten lag. Aus seinem Mund kommt kein lautes Wort und vor allem kein Vorwurf. Dabei hätte er allen Grund, seine Geschichte herauszuschreien wie eine Anklage gegen all jene, die ihn weggeschlossen, beleidigt, gequält und seiner Rechte beraubt haben. Stattdessen sagt er, nicht "empört" sei er, sondern "enttäuscht": "Wenn so etwas in der Dritten Welt passiert wäre! Aber in Amerika?"

Benatta, 29 Jahre alt, algerischer Staatsbürger, ist unschuldig. Er war (anders als zunächst vermutet) nicht am Anschlag auf das World Trade Center beteiligt. So steht es im amtlichen Persilschein der Bundespolizei FBI, ausgestellt im November 2001, zwei Monate nach der Verhaftung. Doch sogar zwei Jahre später kann man mit Benamar Benatta nicht in Freiheit sprechen. Ein Besuchsantrag ist zu stellen bei der Federal Detention Facility in Batavia, Bundesstaat New York, eine halbe Autostunde östlich von Buffalo. Sobald die Genehmigung vorliegt, führt ein freundlicher Vollzugsbeamter durch das Gebäude, einen Zweckbau von der Tadellosigkeit eines Kreiskrankenhauses. Der Besuchsraum V 108 ist fensterlos, vielleicht zwei mal vier Meter groß, cremeweiß getüncht, mit Tisch und Stühlen möbliert. Zwei Beamte führen Benatta herein. Bald wird er sagen, er sei anfangs ein "Gefangener der Terrorismus-Panik" gewesen und später "verloren gegangen im System".

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Eine weniger wohlwollende Interpretation der Ereignisse sieht im Fall Benatta eher die neue Norm eines Rechtsstaates à la John Ashcroft. Amerikas eiserner Justizminister hat im Kampf gegen den Terror ein paar tausend Ausländer muslimischen Glaubens verhaften lassen. Wie viele es genau sind, ist nicht zu erfahren. Die letzte amtliche Angabe datiert vom November 2001. Zwar sind viele längst wieder entlassen. Aber nur die Regierung weiß, wer auch jetzt noch einsitzt. Erkennbar ist allein, dass die Verdachtsmomente bis heute bei keinem der Inhaftierten zur Anklage wegen einer terroristischen Straftat ausreichen. Auch nicht bei Benamar Benatta. Stattdessen stellt ein Amtsrichter im September 2003 fest, die Bundesbehörden hätten ein juristisches "Täuschungsmanöver" inszeniert, um Benatta dauerhaft festzusetzen. Ihre Haft-Begründungen grenzten "an Lächerlichkeit". Benatta sei "unter harschen und repressiven Bedingungen" seine "Freiheit entzogen" worden. Ihn länger festzuhalten hieße, "zum Mitspieler der Scharade zu werden". Doch der Amtsrichter darf nur eine folgenlose "Empfehlung" zur Freilassung aussprechen.

Benamar Benatta wird am 16. September 2001, fünf Tage nach dem Terroranschlag von New York, ins Metropolitan Detention Center nach Brooklyn gebracht. Das ist ein riesiger Klotz, dessen oberster Stock, der neunte, als Hochsicherheitstrakt dient. Die Zellen liegen an zwei Gängen einander gegenüber. Dazwischen Gitterkäfige ohne Dach. 84 Menschen, die sich im Schleppnetz der Terrorfahnder verfingen, kommen in jenen Tagen auf dem Dach an. Dass Benatta dazuzählt, verwundert ihn nicht mal selber. Hatte er nicht gerade als Luftfahrtelektroniker einen Lehrgang besucht? War er nicht länger geblieben, als das Visum erlaubte? Hatte er sich nicht eine falsche Sozialversicherungskarte besorgt? Wollte er nicht sechs Tage vor dem Anschlag in Kanada Asyl beantragen? Da kann man schon, meint Benatta, "ein bisschen Verdacht" schöpfen.

Andererseits will es die Ironie der Geschichte, dass Benatta selbst Terror be kämpfer ist. Im Dienste eines autoritären Regimes reist er zur Fortbildung nach Amerika. Seine Mission bei der Rüstungsfirma Northrop Grumman gilt, wie er sagt, als "top secret". Unter den 40 Offizieren der algerischen Luftwaffe habe er eine "herausgehobene Position" bekleidet. Mehr verrät er nicht. Ist er Vorgesetzter gewesen? Oder Aufpasser vom Nachrichtendienst?

Seine geheimste Mission ist jedenfalls persönlicher Natur. Er bringt Geld mit und dazu seine Zeugnisse. Denn im Herzen trägt er den amerikanischen Einwanderer-Traum. Benattas Glücks-vorstellung hat einen Namen: Columbia. So heißt die Hochschule, "die beste der Welt", um in seiner Fachrichtung einen Doktor zu machen. Er erzählt, wie er im April 2001 untertaucht. Mit einem russisch-jüdischen Einwanderer teilt er sich eine kleine Wohnung in New York. Er arbeitet in einem Restaurant, der übliche Tellerwäscher-Job. Später besucht er eine Bartender-Schule, lernt, Drinks zu mixen: "Martini, Manhattan, Screwdriver und solche Sachen." Das liegt ihm, "die Leute, die Clubs, die Musik". Man kann sich Benatta in der Szene Manhattans leicht vorstellen. Er sieht gut aus, hat ein feines, bronzefarbenes Gesicht. In den braunen Augen sitzt die Melancholie des mediterranen Herzensbrechers.