Die gute Bank von Eisenberg

Ein Kraftakt war es, der das kleine Städtchen Eisenberg in Thüringen einst bekannt machte. In den dreißiger Jahren sorgte der Gastwirt Emil Bahr für Furore, als er mit einem Pferd auf der Schulter auf eine Leiter stieg. Bahr zog Autos mit den Zähnen und hielt Flugzeuge am Start fest. Heute sind die Fotos des angeblich stärksten Mannes der Welt eine der Attraktionen im Eisenberger Mühltalmuseum.

Ein Kraftakt ist es auch, der Eisenberg mehr als 70 Jahre später wieder Schlagzeilen beschert – allerdings beruht er weniger auf Muskeln denn auf Gehirnschmalz. Klaus Euler heißt der Mann, der ausgerechnet in der Wirtschaftskrise eine neue Bank gegründet hat. Und dann noch eine ethisch-ökologisch orientierte Bank, obwohl viele in Deutschland derzeit schon froh sind, wenn sie überhaupt Geld zum Sparen haben – wer hat da noch die Muße, zu einer Gutbank zu gehen?

Der Kraftakt hat sich gelohnt. Seit gut einem Jahr gibt es die EthikBank, und die ersten Zahlen machen durchaus Mut: 2000 Kunden bei nur vier Mitarbeitern; dazu ein Anlagevolumen von insgesamt 23 Millionen Euro. "Spätestens 2005", sagt Vorstandschef Euler, "wollen wir Gewinne schreiben."

Die EthikBank ist eine Tochtergesellschaft der Volksbank Eisenberg. Die wiederum ist ein Geldhaus mit Geschichte. Vor mehr als 135 Jahren gründeten ein paar Handwerker eine eigene Kreditgenossenschaft, damals ging es um günstige Konditionen, mehr Liquidität und – vor allem – um die Bewahrung der Selbstständigkeit. Später wurde aus der Kreditgenossenschaft die Volksbank. Nach der Wende kam Anfang der neunziger Jahre Klaus Euler nach Eisenberg, als neuer Chef des genossenschaftlichen Instituts. Eigentlich wollte Euler gar nicht lange bleiben – doch dann entdeckte der heute 40-Jährige den Reiz der Eisenberger Tradition: Selbstständigkeit. "Hier ist man es gewohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen", sagt der Vorstandschef, "und damit fängt der Spaß erst richtig an."

Spaß brachte zum Beispiel die Idee, bundesweit Geldautomaten der Volksbank Eisenberg aufzustellen – und dann an der Abhebegebühr von zwei bis drei Euro zu verdienen. Der Plan wurde zwar wieder verworfen, aber dafür gelang 1995 der erste große Coup. Das Kasseler Rechenzentrum des Genossenschaftsverbandes suchte Partner für den Einstieg in den Markt für Direktbanken – und entschied sich für Eisenberg. Eulers Ideen kannten die Kasseler Experten schon aus den Gesprächen über die bundesweite Geldautomatenaktion, und vielleicht ahnten sie auch, dass Eisenberger Banker weitaus mehr aufziehen würden als eine normale Onlinebank.

Zunächst bot die neue Direktbank nur ein Tagesgeldkonto an. Dann kamen Förderkonten dazu. Wer wollte, konnte auf 0,25 Prozentpunkte Zinsen verzichten und dieses Geld spenden – für ein bulgarisches Waisenhaus, das Projekt Babyklappe in Hamburg oder ein Umweltprojekt in Thüringen. "Irgendwann haben wir uns gefragt, ob es wirklich ausreicht, nur Spenden zu sammeln, oder ob es nicht besser wäre, auch das Geld der Bank sinnvoll zu investieren", sagt Prokuristin Sylke Schröder. Die Idee einer neuen Bank war geboren. Nur ein neuer Name musste noch her. "Unter dem Namen Volksbank vermutet ja niemand ein ethisch-ökologisch orientiertes Institut", sagt Euler. Deswegen ist der 40-Jährige nun Chef von zwei Banken – der alten Volksbank und der neuen EthikBank.

Wie und wo das Geldhaus investiert, kann jeder Kunde im Internet nachlesen. Auf ihrer Homepage veröffentlicht die EthikBank den Bestand der eigenen Geldanlagen. "Wir kaufen keine Wertpapiere von Firmen, die Atomkraftwerke bauen oder betreiben, die Saatgut gentechnisch verändern oder im Waffengeschäft mitmischen", sagt Sylke Schröder. "Auch Firmen, die Ozon zerstörende Chemikalien herstellen oder Kinder arbeiten lassen, sind tabu." Bei Staatsanleihen achtet die Bank darauf, dass die Länder die Menschenrechte achten. Weil die vier EthikBanker in Eisenberg so viele Daten kaum allein zusammentragen können, lassen sie sich das entsprechende Forschungsmaterial zuliefern – zum Beispiel von imug investment research aus Hannover.

Die EthikBanker entscheiden in mehreren Schritten darüber, ob sie eine Aktie empfehlen oder nicht. Grundsätzlich kommen nur Standardwerte aus dem Dax und MDax infrage, das ist der erste Filter. Dann werden mit den Daten von imug research die fünf Tabukriterien überprüft – der zweite Filter. Im dritten Schritt werden dann so genannte Positivkriterien dazugezogen. Schafft das Unternehmen neue Arbeitsplätze? Wie werden Mitarbeiter gefördert? Gibt es ein Umweltmanagementsystem? Wie ist der Umgang mit Kunden und Lieferanten? So entsteht ein Ranking, an dem sich jede Aktienempfehlung der Bank orientiert.

Die gute Bank von Eisenberg

Bei manchen Investitionen der EthikBank allerdings dürfte es traditionell Umweltbewegte grausen. Autohersteller etwa stehen nicht von vornherein auf der Ausschlussliste. "In der mobilen Gesellschaft von heute", sagt Klaus Euler, "darf eine Verkehrsaktie kein Tabu sein." Wie eng die Gratwanderung zwischen Protest und Profit ist, zeigt die Aktie des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport. Eigentlich steht das Transport- und Logistikunternehmen auf der Empfehlungsliste der EthikBank. Trotz der für Umweltbewegte heiklen Branche werde, so der Anlagebericht der Bank, "in nahezu allen Bereichen – Umweltmanagementsysteme, Umweltpolitik, Gleichberechtigung, Arbeitsplatzerhalt, Stakeholder und Weiterbildung – eine überdurchschnittlich positive Bewertung erzielt". Jetzt allerdings soll der Frankfurter Flughafen noch einmal erweitert werden – zulasten der Umwelt. Und deshalb, sagt Sylke Schröder, "beobachten wir die Fraport-Aktie derzeit sehr kritisch".

Die EthikBank ist eine ganz normale Bank, was die Produkte für Privatkunden betrifft. Es gibt ein Girokonto und ein Online-Depot, Tages- und Festgeld, Sparbriefe und Sparpläne. Im Gegensatz zu anderen deutschen Genossenschaftsbanken kommen die verkauften Investmentfonds allerdings nicht von der Fondsgesellschaft Union Invest, sondern von der Schweizer Privatbank Sarasin, die zwei spezielle Nachhaltigkeitsfonds vertreibt.

Bloß Kredite gibt es nicht. Und zwar aus Prinzip. "Dieses Geschäft ist eines der letzten, die mit Handschlag besiegelt werden sollten", sagt Sylke Schröder. "Man muss einem Kreditkunden in die Augen schauen" – für eine Direktbank unmöglich. Der Mangel am Geschäftsmodell der EthikBank ist, dass sie nicht die Lücke füllen kann, die der Rückzug der großen Geldhäuser aus der Mittelstandsfinanzierung bedeutet, gerade für ethisch oder ökologisch orientierte Betriebe, die sowieso kaum an Kapital kommen. "Wir haben angefangen, darüber nachzudenken", sagt Bankchef Euler. Gut möglich also, dass die junge Bank ihr Geschäftsmodell in puncto Kredit noch ändert.

Bis dahin unterstützen die Eisenberger mittelständische Firmen indirekt – per Zusatzzins. Mit einem Ökosiegel ausgezeichnete Betriebe bekommen ein Plus von 0,25 Prozentpunkten auf den Guthabenzins ihres Tagesgeldkontos. Außerdem hat die EthikBank einen "Förderpreis Nachhaltiger Mittelstand" ausgelobt. Jedes Jahr werden Unternehmen ausgezeichnet, die "in ihrer täglichen Arbeit die Elemente Ökologie, Ökonomie und soziales Engagement langfristig in Einklang bringen".

"Etwa 500 bis 700 neue Kunden im Jahr" will die EthikBank künftig gewinnen, sagt Klaus Euler. Heute kommen die Kunden zu 95 Prozent aus den alten Bundesländern. Die Eisenberger Bürger tragen ihr Erspartes lieber weiter zur alten Volksbank. Ethisch und ökologisch Geld anzulegen kann oder will sich eben doch nicht jeder leisten. "Die EthikBank spricht eine Klientel mit einem gewissen Vermögen an", sagt Sylke Schröder. Das durchschnittliche Anlagevolumen eines Kunden der EthikBank ist um die Hälfte höher als bei der Volksbank Eisenberg.

Könnte die Nischenstrategie der EthikBank ein Vorbild für die mehr als 1400 deutschen Genossenschaftsbanken sein, vor allem für die kleineren? Nein, wiegelt der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken ab – schließlich sind die Genossenschaftshäuser klassische Vollbanken, mit Filialen und Kreditgeschäft. So sei die EthikBank zwar "ein Weg, den genossenschaftlichen Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe zu verwirklichen", heißt es beim Verband. Aber eben nur einer. Eigentlich widerspricht die bundesweit um Kunden werbende Direktbank auch dem Regionalprinzip der Genossenschaftsbanken, wonach sich jedes Institut auf ein Gebiet konzentriert. Doch wahrscheinlich hält sich der Widerstand der anderen Genossenschaftsbanker nur deshalb in Grenzen, weil die EthikBank so klein ist.

Und wenn es die Bank niemals in die Gewinnzone schaffen sollte? "Gerade weil uns der ethisch-ölologisch orientierte Ansatz so wichtig ist, müssen wir bald Gewinne schreiben", sagt Klaus Euler. "Nachhaltigkeit ist schließlich mehr als nur grünes Denken."