Mit Innovationen kennt Jörg Kotthaus sich aus. Der Münchner Experimentalphysiker ist einer der führenden Nanotechniker. Aus seinem Center for NanoScience sind bereits einige Firmen hervorgegangen. Was muss getan werden, um Innovationen zu fördern, Herr Kotthaus?

"Bürokratie abbauen." Die Hälfte aller Anwendungen der Nanoforschung komme über "Start-ups" zustande, neue Unternehmen. Wenn es aber ein Jahr dauert, bis die Universitätsbürokratie ein Patent an eine Firma aus ihren Reihen übertragen hat, ist die wahrscheinlich pleite: "Solange ein Start-up über kein Patent verfügt, wird es kaum einen Investor an sich ziehen können." Gibt es andere Hindernisse? "Viele! Zum Beispiel die Verordnungen über die Nebentätigkeit von Hochschullehrern. Wer als Professor gegen Honorar Start-ups berät, muss aufpassen, dass er nicht kriminalisiert wird."

Deutschland nach dem Reformjahr 2003: Viel bleibt zu tun. So sieht es auch der Kanzler und fügt hinzu: Machen wir auch. Er verlieh, wie es sein Müntefering ausdrückte, dem Jahr 2004 sogar eine "Überschrift". Sie lautet "Innovation". Das Wort dringt dieser Tage aus SPD-Papieren, und bald wird es mehr Papiere und Beschlüsse und Symposien und Plakate aufhübschen, überdies Websites, Christiansen-Sendungen und dergleichen. Außerdem wollen CeBIT und Hannover Messe eröffnet werden. Bei solcher Anstrengung steht zu fürchten, dass das IWort bald in jenes Sanatorium geschickt werden muss, in dem "Reform" schon vor sich hin siecht.

Das Wort kursiert, aber auf den Begriff gebracht ist die Sache nicht. Wie lässt sich Neues einführen und auf Dauer stellen – so, dass es der Gesellschaft nützt? Darum müsste es gehen, und das ist weitaus komplexer als die Tonnenideologie: Oben mehr Geld hineingesteckt, und schon kommen unten mehr Erfindungen und mehr Jobs heraus.

Doch der Bundeskanzler besetzt jetzt erst einmal ein Thema. Er weiß ja, wie das geht. Kleines Telefonat von Chef zu Chef: Wir bilden einen Rat. Der ehemalige BMW-Chef Joachim Milberg führt die SPD-Oberen auf der Weimarer Klausur ins Thema ein. Jürgen Kluge, der Boss von McKinsey in Deutschland, trägt auch vor. Der schwäbische Vorzeigeunternehmer Berthold Leibinger ist im Gespräch, und ohne den Siemens-Mann Heinrich von Pierer bestellt Schröder dieses Feld ohnehin nicht. Ein VW-Vorstand muss es wohl auch sein. Die Fraunhofer-Gesellschaft gehört an den Tisch. Unbedingt auch ein präsentabler Gründer, man wird schon einen finden. Insgesamt rund fünfzehn Köpfe – es wäre ein Wunder, wenn in diesem Innovationsrat nicht das Establishment dominierte.

Testballons, Provokationen und ideologische Gefechte

Ende Januar dann wird die Regierung des frisch gebackenen Innovationskanzlers dem Parlament ihren Bericht zu den ersten Erfahrungen mit dem Stammzell-Gesetz erstatten. Gerhard Schröder hat seinen Willen kundgetan, das Gesetz zu lockern, und unterstellt, es sei ein Innovationshindernis. Zu Unrecht; dessentwegen ist noch kein Antrag in Deutschland abgelehnt worden. Dennoch gibt es ein Interesse an einer neuerlichen Embryonen- Debatte: Sie wäre rein ideologisch, würde den Haushalt nicht belasten und dennoch den Schein erzeugen, die SPD sei die beste Freundin der Wissenschaft. Zum gleichen Zweck ließ SPD-Generalsekretär Olaf Scholz den Testballon "Elite-Universität" steigen. Ein Konzept hat er dafür nicht. Unterdessen rüsten auch die Grünen für die Fortschrittsdiskussion – doch bevor nun das Thema im Geräusch wieder untergeht, sei an die konkreten Umstände des innovativen Alltags erinnert.

Da existiert beispielsweise ein Forschungsinstitut, aus dem Start-ups auf dem Gebiet der Medizintechnik hervorgehen. Das Bulmahnsche Bundesforschungsministerium hat dem Institut für die Entwicklung einer klinischen Technik einen fünfstelligen Zuschuss bewilligt. Fein. Man plant, stellt ein, kauft Labormaterial. Seltsamerweise trudelt aber kein Geld ein. Anruf in Berlin: "Haben wir Ihnen eine falsche Kontonummer gegeben?" – Nein, lautet sinngemäß die Antwort, aber uns geht gerade das Geld aus. "Das war bei uns genauso", erfährt man anderswo, "aber zitieren Sie mich nicht." Siehe oben: Im Deutschland nach dem Reformjahr 2003 bleibt noch viel zu tun.