Der Dichter spricht. Er, der so lange verstummt war. Endlich einmal bricht der (Ost-)Berliner Lyriker, dessen Werke so beliebt sind, dass er noch immer davon leben kann, sein jahrelanges Schweigen. Nicht mit einem neuen Gedichtband, sondern mit einer Rede, die ihm zur Rhapsodie gerät, zum Erinnerungsrausch. Die Worte, die er so lange zurückgehalten hatte, gehen jetzt mit ihm durch, über die kleine Versammlung hinweg und weit zurück in die deutsche und eigene Vergangenheit. Er, der zur Legende gewordene, soll ja nur eine kurze Ansprache zur Einweihung einer neuen Straße halten, die nach Caspar David Friedrich benannt wird: Aber nun hat der romantische Maler ihm die Zunge gelöst zum großen Bocksgesang. Man kennt das: Wenn die Wortkargen erst ins Reden kommen, können die Schwätzer nur staunen.

Neun Gemälde Friedrichs – neun seiner geisterhaften Szenerien – werden dem Poeten zum Ausgangspunkt der Spurensuche und Geschichtsträumerei: die Klosterruine Eldena bei Greifswald etwa oder der Eichbaum im Schnee, vor allem aber die Mondschein-Unheimlichkeiten wie Mann und Frau den Mond betrachtend, die Caspar David Friedrich bis zur Obsession gemalt hat. Lunare Laser-Visionen, die dem Redner nun zur Re-Vision dienen. Aber das Wort wäre ihm zu nüchtern, er spürt dem Mythos nach angesichts der noch leeren Straßen: "Ob wir es wollen oder nicht, eines Tages bringt uns eine Kraft dazu, dass wir uns umdrehen, zurückblicken wie Orpheus in der Unterwelt, und Eurydike verlieren – die Unschuld, unseren Glauben an die Möglichkeit, einen Weg einzuschlagen, auf dem es noch keine Vergangenheit gäbe." Reflexion über die begangenen, vergangenen, verschütteten Straßen. Über die katastrophalen Sackgassen deutscher Geschichte. Auch der Maler muss da mithalten: "Alle in Deutschland gemalten Bilder stellen ein Stück Deutschland dar … bei uns hat letztlich immer alles mit der Geschichte unseres Landes zu tun. Wir sind die unfreiwilligen Zeugen, der abgewandte Blick unserer Eltern und Großeltern zwingt uns, ständig darauf zu starren, er hypnotisiert uns, wir betrachten einen Zeitpunkt, einen historischen Abschnitt, von dem wir nicht zurückgekehrt sind." Gewissenspredigt, Schuldallegorie; eindringlich, aber auch monoton. Irgendetwas zwischen Hacks und Hermlin, zwischen Volker Braun und Wolf Biermann. Zerknirschung mit großem Elan.

Bis dann, nach siebzig essayistischen Seiten (mit herrlichen Bild-Deutungen), die alte Sage konkret und der Dichter selbst zum Orpheus wird, der einen Blick zurück auf seine verlorene Eurydike tut: eine Liebesgeschichte unter den Spotlights des Friedrichschen Mondes. Beim ersten Westbesuch des Dichters (die Mauer steht noch) neben dem Grab E.T.A. Hoffmanns die Begegnung mit einer jungen Frau, die umso mehr die Richtige ist, als auch sie gleich sein Thema aufgreift: "Auf dieser Straße ist die Zeit stehen geblieben." Von Stund an wird sie die ferne Geliebte in den Gedanken und Gedichten des wieder in den Osten verbannten Dichters. Bei der Wiederbegegnung, nach Jahren und nach der Mauer, das Verhängnis: Sie nimmt ihm seine Gedichte übel, fühlt sich bloßgestellt, weiß seine Passion nur als Machismus zu deuten. Und wieder redet sie wie ein Buch: "Aber heute weiß ich, dass man der Vergangenheit nicht entfliehen kann." Wie das Buch, das wir hier vorstellen.

Denn der Dichter spricht gar nicht. Es spricht eine französische Autorin, die 1954 geborene Cécile Wajsbrot, die sich diese subtile und heikle Maskerade ausgedacht und dem ausgeschriebenen DDR-Poeten ihre Stimme geliehen hat: deutsche Gewissenserforschung à la française, romantischer Kunstexkurs im clair de lune und die ganze Metaphorik der leeren Straße und der ausgetretenen Wege wie eine späte Zurechtweisung Stendhals, der vor zweihundert Jahren, als er mit den napoleonischen Truppen nach Berlin gelangt war, notierte: "Ich verstehe nicht, wie jemand auf den Gedanken kommen konnte, mitten in diesem Sand eine Stadt zu gründen." Cécile Wajsbrot – das Alter Ego unseres DDR-Lyrikers – hat dieses Berlin gründlicher als Stendhal erkundet, ist durch seine Straßen und seine Irrwege gegangen: traumverloren und doch immer auf dem Quivive. Eigentlich schade, dass sie sich hinter einem Dichter am Rednerpult versteckt hat.