Schicksal – für moderne Menschen ein Ärgernis

Solche Einlassungen über die Unentrinnbarkeit der Gewalt klingen finster. Dennoch will er nicht als Kassandra verstanden werden und sucht nach einer Devise für seinen skeptischen Optimismus: "Vielleicht können wir uns einigen, dass man sein Leben besser führen kann, wenn man weiß, was nicht zu ändern ist." Soziologie als Wissenschaft von dem, was nicht zu ändern ist? Das ist nicht so konservativ gemeint, wie es klingt. Denn die Werte und Institutionen einer Gesellschaft könnten sich sehr wohl radikal ändern, wird er nicht müde zu beschreiben. In Kürze erscheint sein Buch über Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft: Es handelt davon, wie grundlegend sich die Beziehungsmuster verändern, wenn gesellschaftlich akzeptierte Wünsche sich verändern. Es gelte zu sehen, dass wir über unsere Wünsche nicht frei verfügen können, eben weil sie soziale Tatsachen sind: "Was im Gewand von Wünschen daherkommt, etwa ,Du sollst einen modernen Beruf haben!‘, ist in Wirklichkeit ein handfester Norm-Zwang. Mit dem Selbstbild des modernen autonomen Individuums ist dies schlecht zu vereinbaren."

Hondrich ist gerade dabei, seine Theorie der Gesellschaft, die sich in vielen Einzelstudien gebildet hat, systematisch zu formulieren. Jede Form sozialen Lebens zeichnet sich ihr zufolge durch fünf grundlegende Prinzipien aus. Erstens: geben und erwidern (Prinzip der Reziprozität); in jeder Gesellschaft gibt es Regeln dafür, wie etwa Geschenke, Grüße oder Beleidigungen ausgeteilt und erwidert werden. So geraten Menschen in die partnerschaftliche Liebe, aber auch in den Krieg. Zweitens: auf- und abwerten (Prinzip der Präferenz); in jeder Gesellschaft wird ständig bewertet und moralisiert und in der Regel das Eigene, schon Vertraute vorgezogen. Unsere Beziehungen sind Vorziehungen, die immer ein Zurücksetzen beinhalten. Als Korrektiv gegen daraus entspringende Feindseligkeit wirkt die Pflicht zur Toleranz gegenüber anderen, in der Wissenschaft die regulative Idee der Werturteilsfreiheit. Drittens: teilhaben und ausschließen (Prinzip der kollektiven Identität); jede Gesellschaft zieht ihre Grenze, indem sie die einen einbezieht und die anderen ausschließt. Im Namen des Individuums, das sich unvergleichlich setzt, oder der Menschheit als Ganzes können wir gegen dieses Prinzip protestieren, aufheben können wir es nicht. Viertens: verbergen und mitteilen (Tabu-Prinzip); keine Gesellschaft kommt ohne einen Code aus von dem, was mitteilbar ist und was verborgen bleiben soll. Selbst die Aufklärung, das Gegenprinzip, bringt neue Tabus hervor. Und fünftens: bestimmen und bestimmt werden (das Prinzip der fatalen Handlungsfolgen); Handeln sieht sich immer mit ungewollten Folgen konfrontiert, die wiederum die weiteren Handlungsmöglichkeiten bestimmen. Früher, so Hondrich, nannte man dies Schicksal, "ein Begriff, der für den modernen Menschen zum Ärgernis geworden ist, weil er sich als ausschließlich selbstbestimmt betrachtet".

Ist dies ein Plädoyer für den Fatalismus und gegen die Hoffnung auf Verständigung zwischen den Kulturen? So will Karl Otto Hondrich gerade nicht verstanden werden. Er zieht eher Grund zur Hoffnung aus seiner ernüchternden Theorie. "Wenn wir erkennen, dass wir – trotz unserer Unterschiede – alle diesen elementaren sozialen Prozessen ausgeliefert sind, dann verstehen wir uns über kulturelle Grenzen hinweg wahrscheinlich besser, als wenn wir bloß einem Toleranzgebot folgen, das aus einer bestimmten Kultur erwachsen ist."

Karl Otto Hondrich ist seit 1972 Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt/Main. Dort denkt er über die verschiedensten gesellschaftlichen Themen nach – Liebe, Krieg, Gentechnik oder Fremdenfeindlichkeit. Den 66-Jährigen beschäftigen dabei vor allem die "kollektiven moralischen Gefühle", deren Wirken seine Wissenschaft lange übersah. In Kürze erscheint sein neues Buch über "Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft" bei Suhrkamp