Es gab zum Beispiel keine Fernbedienungen. Man machte es damals so: Jemand stand auf – in der Regel der oder die Stubenälteste –, strich sich den Rock oder die Hose glatt, ging zum Fernseher, sagte: "Die bringen wieder mal nur Mist heute", und schaltete vom ersten auf das zweite oder dritte Programm. Man wusste noch nicht, was das ist: Zappen. Fernsehen war wie Theater oder Konzert. Nach der letzten Zugabe kam statt des Vorhangs ein Testbild.

Erst mit dem Privatfernsehen wurde Fernsehen eine eigene Kulturtechnik. Erst dann kapierte man: Fernsehen ist kein Ereignis, kein Kunstwerk mit einem Anfang und einem Ende, sondern ein dahinfließendes Produktkontinuum. Man kann zu jeder beliebigen Zeit und an jeder gewünschten Stelle einsteigen. Ein bis drei Mal pro Jahr gibt es ein "Event", zum Beispiel den Dreiteiler von Dieter Wedel, dann schauen fast alle dasselbe, wie früher. Das sind aber Ausnahmen.

Eine Minderheit zappt gerne oder ist vielleicht zappsüchtig. Für die meisten ist das Zappen eine lästige Sache, ungefähr so, wie man sich am Rücken kratzt, wenn es juckt. Man zappt, um dem Werbeblock zu entkommen. Der Werbeblock ist das Jucken des Fernsehens. Privatfernsehen bedeutet die ewige Flucht vor dem Werbeblock. Niemand mag ihn, und keiner kann ihm entkommen. Das Privatfernsehen hat eine neue Art von Stars hervorgebracht, die Werbestars, Leute wie Verona Feldbusch oder Herrn Kaiser von der Soundso-Versicherung, Menschen, die berühmt oder sogar beliebt werden, obwohl ihre Auftritte fast allen Deutschen lästig sind.

Als vor zwanzig Jahren das Privatfernsehen kam, gab es viele Befürchtungen, wie immer. In Wirklichkeit hat das Privatfernsehen dem Medium einen Teil seiner Macht genommen. Es war Entzauberung durch Vervielfachung. Die Konzentration auf den Kasten und seine Autorität, die war weg, wegen des Werbeblocks. Der Werbeblock bedeutete für die Autorität des Fernsehens ungefähr das, was ein ruchbar gewordener Bordellbesuch für die Autorität eines Erzbischofs bedeutet.

Unter Helmut Schmidt hat sich unter anderem der Planungschef des Kanzleramtes um Medienpolitik gekümmert. Er hieß Albrecht Müller. 1982 wurde Helmut Kohl Kanzler, Christian Schwarz-Schilling wurde sein Postminister. Bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik saßen Schwarz-Schilling und Müller vor einiger Zeit gemeinsam auf einem Podium und redeten über die alten Zeiten. Müller sagte, warum die Sozialdemokratie so heftig gegen das Privatfernsehen war und, um es zu verhindern, sogar die staatliche Förderung der Satellitentechnik einstellen wollte – ein später Fall von Maschinenstürmerei. Müller verglich das Privatfernsehen mit Drogen.

Drogen fördere der Staat ja auch nicht. Er erinnerte an die "Erfahrungen mit dem Dritten Reich". Wegen dieser Erfahrungen ist in Deutschland nach dem Krieg das öffentlich-rechtliche System entstanden, ein Fernsehen, das von Politikern, Gewerkschaftern und Kirchenleuten überwacht wird. Man war als Deutscher von tiefem Misstrauen gegen sich selber geprägt. Man wollte die Bestie überwachen, die womöglich in jedem deutschen Gemüt schlummert.

Schwarz-Schilling sagte: Wenn wir damals das Privatfernsehen nicht eingeführt hätten, wären wir die Hinterwäldler Europas geworden. Es sei darum gegangen, den wirtschaftlichen und technischen Anschluss nicht zu verpassen. Es ging nicht um Inhalte. Ob er, der Politiker, das Programm der Privatsender möge oder nicht, sei unwesentlich. Privatfernsehen war aus der Sicht seiner Geburtshelfer in erster Linie eine Maßnahme der Wirtschaftspolitik. Außerdem dachte man bei der CDU: In einem kapitalistischen Fernsehen wird es niemals mehr auch nur eine einzige SPD-freundliche Sendung geben. Diese Hoffnung hat sich als schöne Illusion erwiesen.

Sado-Shows mit Naziwalküren?