George Loewe hat hart daran gearbeitet, so zu leben, als gäbe es ihn gar nicht. Bis heute muss man sehr genau suchen, um ihn überhaupt zu finden. Er bewohnt das Apartment seines verstorbenen Vaters im New Yorker Stadtteil Queens, wo er keinen Besuch empfängt. Er hat kein Telefon. In seinem Stammcafé in der Lower East Side von Manhattan hilft er einer Freundin beim Studium, und sie erledigt manchmal auf ihrem Handy den einen oder anderen Telefonanruf für ihn. Der Gedanke, tatsächlich auffindbar zu sein, scheint George sehr zu erschrecken.

George Loewe stammt aus einer jüdischen deutschen Industriellenfamilie. Sehr spät und ganz überraschend hat er nun doch noch beschlossen, sich der Vergangenheit zu stellen. Eher zufällig hat er von der Möglichkeit erfahren, Entschädigungsansprüche für den verlorenen Besitz seiner Familie geltend zu machen. Und obwohl fast alle ordentlichen Fristen schon verstrichen sind, hat er Anträge gestellt und seinen Namen auf Listen eintragen lassen. Er ist in die Arena getreten.

Der Familie Loewe haben Mehrheitsanteile am größten Waffenhersteller Europas gehört, der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG, und der Gesfürel, der Gesellschaft für Electrische Unternehmungen, die im Kraftwerkbau tätig war und Beteiligungen an Straßenbahnunternehmen in ganz Deutschland besaß. Unter anderem. Das Geflecht der Beteiligungen ist unübersichtlich. In einer Festschrift würde es heißen: "Die Familie hatte maßgeblichen Anteil an der Industrialisierung und Elektrifizierung Deutschlands." George besitzt noch das Original der Einladung seiner Urgroßeltern zum Ball und Souper am Hof des deutschen Kaisers, für den 22. Januar 1880, "abends 8 1/2 Uhr im königlichen Schlosse". Ludwig Loewe war einmal der jüngste Berliner Stadtverordnete aller Zeiten und saß später als Liberaler im Reichstag. Die direkte Auseinandersetzung mit Bismarck scheint sein Spezialgebiet gewesen zu sein. Seine Fraktionskollegen haben ihm einen Nussknacker geschenkt, mit Bismarcks Kopf als Nuss. Sie waren stolz auf ihn.

Der Firmengründer Ludwig Loewe war ein ehrgeiziger Ingenieur. Sein Steckenpferd ist die Normierung. Auf Reisen in die USA studiert er die viel weiter fortgeschrittenen Techniken der Massenproduktion, um sie daheim in Preußen zu perfektionieren. Die Normierung von Einzelteilen und Vorgängen soll die Unternehmer von der Abhängigkeit von den Maschinenbauern befreien und die Anstellung billiger, ungelernter Arbeitskräfte in der Fabrikation ermöglichen. Loewe beginnt mit der Herstellung von Nähmaschinen und sattelt dann auf Maschinenbau und Waffenfertigung um. Er rüstet die Armeen des Deutschen Reiches, Argentiniens, Spaniens und Brasiliens mit Infanteriegewehren aus. Nach seinem Tod im Jahr 1886 führt sein Bruder Isidor die Geschäfte der Firma. Er erwirbt die Aktienmehrheit der Firma Mauser. Ludwig Loewe liegt in Berlin auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee begraben.

Die jüdische Familie produzierte Waffen, auch die Nazi-Ikone Luger

Im Jahr 1892 kommt es zum "Judenflinten"-Skandal, ein Zeichen für den aufkeimenden Antisemitismus dieser Jahre. Der Lehrer Hermann Ahlwardt beschuldigt die Firma Loewe in einem Pamphlet, die Kampfkraft der deutschen Soldaten durch schlecht fabrizierte Waffen zu sabotieren. Es kommt zum Prozess, den die Loewes gewinnen. Ahlwardt wird zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt und muss die Flugschrift und ihre Druckplatten vernichten. Dennoch stellt die Ausgründung der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) aus der Ludwig Loewe AG auch eine Reaktion auf die Ahlwardt-Affäre dar: Der Name der Familie Loewe wird aus dem Firmennamen entfernt. Die DWM wird zum Hauptproduzenten der Parabellum-Pistole von Georg Luger. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sich jeder SS-Mann aus Hollywood auf der Leinwand durch das Tragen der Luger als Bösewicht ausweisen. Die Waffe wird zur Nazi-Ikone – da haben ihre Hersteller schon ihren gesamten Besitz verloren. So schlägt die Weltgeschichte ihre seltsamen Haken.

Das ganze Leben des Urenkels scheint darauf ausgerichtet gewesen zu sein, sich unter der Last und dem Glanz dieser Vergangenheit wegzuducken, unter der Weltgeschichte überhaupt. George wurde ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Nest in den Pyrenäen geboren. Die Eltern hatten Krieg und Holocaust in der französischen Résistance unter großen Gefahren überlebt. Sie wanderten mit dem Kind nach New York aus, wo der Vater seinen Rechtsanwaltsberuf nicht mehr ausüben konnte. Als George elf war, starb die Mutter an Krebs. So ein Kind wird die Weltgeschichte kaum als Freund und Helfer erleben. Eher als eine Instanz, die immer bereit ist, seiner Familie alles zu nehmen. Warum sich ihr – oder überhaupt einer Herausforderung – stellen?

Georges Vater muss ein Großbürger und Draufgänger gewesen sein. In der Résistance hat er gefährliche Aufklärungsmissionen ausgeführt. George Loewe erinnert sich an den Entertainer auf dem Schiff, der Nieuw Amsterdam, auf dem die Familie nach Amerika auswandert: einen gewissen Bob Hope. In New York wird der Vater Buchhalter, erst in der Radio City Music Hall, später im Metropolitan Museum. George arbeitet als Kartenabreißer in der Radio City Music Hall. Doris Day huscht an ihm vorbei, Cary Grant, Lucille Ball. George liebt Amerika – bis zum Vietnamkrieg. Weil er sich als Lehrer in die Slums verpflichtet, entgeht er dem Wehrdienst. Aber eigentlich will er aussteigen und in Kalifornien in einer Kommune leben, im passiven Tu-Nix-Widerstand. Seine Augen leuchten noch heute, wenn er davon erzählt. 1969 verwirklicht er seinen Traum und lebt in Kommunen in Berkeley und Albion, einem kleinen Nest in Mendocino County mit einer atemberaubenden Aussicht auf den Pazifik. Nach seiner Rückkehr nach New York im Jahr 1975 nistet er sich in der Armut ein und haust heute in der Wohnung seines verstorbenen Vaters. Er schreibt Kurzgeschichten, die niemand verlegt. Er ist der Nowhere Man aus dem Lied der Beatles.