Wer unter Kultur auf Teneriffa bislang nur die Flamencotrüppchen, Coverbands und Alleinunterhalter verstand, die zwischen den Bettenburgen der Touristenorte hin und her tingeln, muss in Zukunft umdenken. Denn jetzt gibt es den weißen Riesen.

Er steht am südlichen Rand der Hauptstadt Santa Cruz. Hier zeigt sich die Insel, vor deren Schönheit und Harmonie Alexander von Humboldt einst auf die Knie fiel, bislang von ihrer scheußlichsten Seite. Es ist das übliche Stadtrandchaos einer Metropole der vorgeblich zivilisierten Welt, zersiedelt, zubetoniert, missbraucht zur Profitmaximierung. Eine Raffinerie wuchert mit rostigen Tanks, Leitungen und Kesselhäusern wie ein Krebsgeschwür an den Hängen, die steil in den Atlantik abfallen. Eine sechsspurige Straße überrollt beinahe das ochsenblutrote Kirchlein Nuestra Señora de Regla und pumpt unaufhörlich Lastwagen auf Lastwagen in das Hafenareal. Shopping-Malls mit viel grünem Glas und wenig Stil verbreiten eine Art urbanen Bodennebel, aus dem ein einfallsloses Hochhaus großtuerisch emporschießt. Gegen dieses ganze Gekröse und Getöse stemmt sich nun, auf einem sanft zum Meer hin ansteigenden, zwei Hektar großen Platz, das Auditorio de Tenerife von Santiago Calatrava.

Ein Konzerthaus eigentlich, mit einem großen Saal für 1660 und einem kleinen für 400 Zuhörer. Und doch weit mehr als das. Eine gebaute Skulptur, deren glitzernde Hülle aus trencadís, Millionen Bruchstücken weißer Kacheln, den vorherrschenden Erdtönen der Vulkaninsel enthoben scheint und dem anderen spanischen Visionär, Gaudí, ihre Reverenz erweist. Ein Emblem für die Stadt, die Insel (schon druckt man die Silhouette des Gebäudes auf Tüten, T-Shirts, Badelaken). Eine aus dem Meer geborene Metaphernmaschine. Woran muss man nicht alles denken im Angesicht des Betondachs, das aus einem 60 Meter breiten Sockel sich 60 Meter emporschwingt und nach einem aberwitzigen Bogen über fast 100 Meter in einer Spitze endet: ein Tsunami, eine jener Riesenwellen, wie sie nach unterseeischen Beben entstehen. Von hinten ein Fischmaul, von vorne ein Riesendampfer, von der Seite ein Segelschiff. Eisberg. Muschel. Möwenflügel. Oder ist es nicht doch eine Mondsichel? Eine Abschussrampe zu den Sternen?

Bei so viel Bildmacht stört es nicht, dass das Dach eigentlich keine Funktion hat. Der große Saal, den es überspannt, hat seine eigene Hülle; wie ein Dinosaurier-Ei liegt er geborgen zwischen zwei kühn geschwungenen Wänden, die wiederum aus dem Foyer emporsteigen, das sich wie eine Höhle säulenlos unter dem ganzen Gebäude erstreckt. Gewaltige Lamellentüren führen hinein, die sich wie ein Garagentor komplett aufschwingen lassen (sie geben allerdings auch den Weg frei für einen heftigen Durchzug, der alle festlich getürmten Konzertbesucherinnenfrisuren gnadenlos zerzaust). Trotz der riesigen Menge an Stahlbeton ein organisch anmutendes Verwirrspiel aus Innen und Außen, Enthüllen und Verbergen, in tollkühnen Kurven dreht sich alles um die ideelle Mitte, die Bühne, auf der die Musik erklingt. Mit lässiger, selbstbewusster Gebärde grüßt das Auditorio über das Meer nach Sydney, wo das Opernhaus an ähnlich exponierter Stelle ähnlich dicke Welle macht.

Und etwas Ähnliches sollte Calatrava, der spanische Architekt von expressiven Brücken (in Sevilla, Dublin und anderswo), Museen (Milwaukee), Bahnhöfen (Lyon) und Olympiastadien (Athen) mit seinem ersten Gebäude für die Musik auch errichten. Keinen Zweckbau, sondern ein Wahrzeichen, das viel mehr sein soll, sein muss als nur eine angemessene Spielstätte für das Orquesta Sinfónica de Tenerife, das inzwischen als eines der bes-ten in ganz Spanien gilt. Der weiße Riese soll das Image der ganzen Insel verändern: weg vom Pauschaltourismus, dem ein Bett, viel Sonne und noch mehr Bier genug sind, hin zum anspruchsvollen Kulturreiseziel. Dazu muss das Auditorio die Aufmerksamkeit erst einmal auf die Stadt Santa Cruz lenken, die trotz ihrer mehr als 200000 Einwohner bislang kaum im Blickfeld der Touristen liegt. Und schließlich soll der Bau seine unmittelbare Umgebung umkrempeln, dem Viertel Los Llanos ein neues Zentrum, eine See- und Schauseite geben. Mitte der neunziger Jahre hat sich Calatrava daran schon einmal versucht. Doch an seinem ebenfalls kühn gedachten und geschwungenen Kongresszentrum gegenüber dem Auditorio sieht man, wie es einem Solitär ergeht, der keinen stadtplanerischen Flankenschutz bekommt: Längst haben zahllose neue Zweckbauten der "Küchenschabe", wie die Einheimischen das Zentrum liebevoll nennen, den Auftritt vermasselt. Damit das Auditorio inmitten all der Abgase mehr Luft zum Atmen behält, hat man an der Küste einen künstlichen Berg aus Trümmern und Müll angeschüttet, der demnächst begrünt und ein Park werden soll. Auch die Raffinerie, deren Pesthauch bei Südwind die ganze Stadt heimsucht, soll spätestens in acht Jahren dem neuen Juwel keine Konkurrenz mehr machen und verschwunden sein. Wohin genau, weiß freilich noch niemand.

Weil das Konzerthaus also nicht weniger als ein Wunder bewirken soll, hat die Inselregierung 72 Millionen Euro dafür ausgegeben, zahllose Rückschläge und Kostenexplosionen während der 13-jährigen Bauzeit hingenommen und auch die Diskussionen ertragen, ob so viel Geld nicht besser in das marode Schulsystem geflossen wäre. Mit der Umwegrentabilität hat man die Leute getröstet, dass mit den Touristen auch deren Geld kommen würde, das dann wiederum den Schulen zugute käme. Und vom Bilbao-Effekt sprechen alle, demzufolge ein Kulturbau eine ganze Stadt neu erfinden kann, wie es Frank Gehrys Museum in der nordspanischen Industriestadt vorgemacht hat.

"Es fragt doch auch niemand, was der Kölner Dom gekostet hat", sagt Viktor Pablo Pérez. Seit 15 Jahren ist er der Leiter des Sinfonieorchesters von Teneriffa, sozusagen der musikalische Hausherr im Auditorio. Der Bau, an dem er beratend mitgewirkt hat, markiert für ihn vor allem eins: den Beginn einer sinfonischen Tradition auf Teneriffa. Natürlich gibt es das Orchester schon lange, bisher spielte es in einem Saal in der Innenstadt. "Aber die Säle aus dem 19. Jahrhundert sind für Stimmen gemacht, nicht für Orchester." Das gilt für ganz Spanien, und so sind in den vergangenen Jahren landesweit mehr als 30 neue Konzertsäle entstanden. Die Krise der Klassik in Mitteleuropa ist hier kein Thema. "Mit einer Verzögerung von 100 Jahren beginnen wir erst, das hohe musikalische Potenzial des Landes voll auszuschöpfen", sagt der Dirigent. "Die Franco-Diktatur hatte alles blockiert."

Diese Blockade zu überwinden, bemühen sich die Canarios schon lange. Seit 1985 gibt es das Festival de Música de Canarias, dessen 20. Ausgabe an diesem Wochenende mit einer Konzertversion von Berlioz’ Damnation de Faust beginnt – zugleich die Feuertaufe für das neue Haus. Die großen Dirigenten und Solisten der Welt haben beim Festival gastiert, es gab wichtige Uraufführungen von Stockhausen, Berio, Henze, Rihm. Das einheimische Publikum ist aufgeschlossen – wenn genug Emotionalität im Spiel ist. "Das Leben der Teneriferos wird von Musik bestimmt", sagt Peréz, das ganze Jahr sei eigentlich nur eine 360 Tage lange Probe für einen musikalischen Exzess – den Karneval. Das Auditorio will von dieser Begeisterung profitieren, und die Abonnentenzahlen haben sich bereits verdoppelt. Um den Saal dauerhaft zu füllen und neben den Einheimischen auch die Touristen anzuziehen, ist freilich heftiges Cross-over nötig: Von Oper über Jazz bis zu Weltmusik und Tanz ist im Programm alles erlaubt.