Bevor ich Journalist wurde, habe ich als Auftragskiller in Israel gearbeitet. Das lief über "Aktion Sühnezeichen". Ich habe, um für die deutschen Verbrechen der Vergangenheit zu sühnen, monatelang in Neonlichthallen Hähnchen eingefangen, die noch in der Pubertät waren, sie in Kisten gesperrt und im VW-Bus zum Schlachthof gefahren. Jeden Tag waren es 200 Hähnchen, die zur Sühne unter meiner Federführung kaltgemacht wurden. Journalismus ist oft brutal. Aber Hühnerfarm ist brutaler, echt. Mein Arbeitgeber war ein sozialistischer Kibbuz, Tel Josef. Er wurde nach dem Helden Josef Trumpeldor benannt, Spitzname: einarmiger Josef. Der einarmige Josef war, zunächst in zweiarmigem Zustand, Soldat des Zaren und hat seinen Arm im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 eingebüßt. Kaum hatten sie im Lazarett die Amputationswunde verbunden, da griff Josef Trumpeldor mit der ihm verbliebenen Hand nach seinem Säbel und stürzte sich mit unverändertem Schwung erneut in die Schlacht gegen die Japaner. Dafür haben sie ihn zum einzigen jüdischen und gleichzeitig einzigen einarmigen Offizier Russlands befördert. Später wanderte er ins Heilige Land aus und vollbrachte dort im Nu vier weitere Heldentaten.

Vor ein paar Wochen war ich wieder in Tel Josef und ging dort ins Josef-Trumpeldor-Museum. Das ist ein Zimmer voller staubiger Bücher, neben dem Gemeinschafts-Esssaal, der vor Jahren geschlossen wurde, weil auch in Tel Josef niemand mehr an die sozialistischen Ideale glaubt. Im Halbdunkel saß die Museumsdirektorin, die außerdem kommissarisch die Aufgaben einer Museumswärterin wahrnimmt. Es ist eine Dame von Mitte 60, Rachel Sass. Sie sagte: "Where do you come from?" Ich sagte: "Deutschland." Früher war das in Israel ein kniffliger Moment, wenn man gefragt wurde, woher man kommt. Bei gut aussehenden Frauen habe ich oft "Frankreich" gesagt, weil ich Franzosen gut nachmachen kann, vor allem einen betrunkenen Franzosen, der versucht, ein Croissant in café au lait einzutunken.

Jetzt aber rief Rachel Sass: "Deutschland? Der Kannibale!" Im israelischen Fernsehen bringen sie massenhaft Berichte vom Kannibalenprozess, es ist die absolute Topstory. Der Kannibale ist in Israel berühmter als Richard Wagner und Joschka Fischer zusammen. In anderen Ländern auch, das haben Freunde erzählt. Das deutsche Image in der Welt hat sich verändert. Man denkt jetzt nicht mehr als erstes "Hitler" oder "Beckenbauer" oder "Mercedes", nein, man denkt sofort: "der Kannibale".

Rachel Sass wollte wissen, ob es eine bayerische Tradition sei oder vielleicht wegen der hohen Bevölkerungsdichte, im Zoo von Tel Aviv habe es in einem überfüllten Affenkäfig ähnliche Fälle gegeben. Im Grunde wollte sie wissen, ob ich selber schon, das habe ich gespürt. Sie traute sich nicht, zu fragen. Ich sagte: "Ein Einzelfall. It is absolutely not common in Germany to eat each other." Die meisten Deutschen seien strikt gegen Kannibalismus eingestellt, sogar in Bayern, das wüsste ich zufällig genau. Aus dem deutschen Image draußen in der Welt wird nie mehr was, da kannst du machen, was du willst.

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