Hast du das gehört?" Der schmächtige Mann zittert vor Wut. "Die Juden fangen alle Kriege an, hat er gesagt. Gleich geh ich noch mal rein und geige dem die Meinung." David Dobel, Woody Allens neueste Verkörperung des neurotischen New Yorker Juden in Anything Else ist anders ausgefallen als in seinen bisherigen Filmen. Böser. Bitterer. Dabei wirkt Allen/Dobel in seiner Waffenvernarrtheit eher wie eine Parodie auf jene Militärfreaks, die Michael Moore in Bowling for Columbine porträtiert hat. Aber die Stimmung unter New Yorkern, insbesondere unter den Juden, hat er schon gut getroffen.

New York, das Plaza Hotel: Die Anti-Defamation League, eine pro-israelische Lobbyorganisation, lud zu einem Gala-Dinner, um Silvio Berlusconi als "herausragenden Staatsmann" zu ehren. Allerdings war die Stimmung ein wenig trübe: Der italienische Premier hatte damals gerade erklärt, Benito Mussolini sei ein "gutartiger Diktator" gewesen, der niemanden umgebracht habe. 7000 italienische Juden und Tausende Widerstandskämpfer waren unter dem Duce umgekommen. Aber die League ließ sich von ihrer Ehrung, trotz vielfacher Kritik, nicht abbringen. "Er ist ein zuverlässiger Freund, auch wenn er Fehler hat", meinte ihr Vorsitzender Abraham Foxman. Vor allem aber sei Berlusconi ein zuverlässiger Unterstützer Israels, von Präsident George Bush und ein Verbündeter im Irak-Krieg. Und nur das zähle seit dem 11. September.

Lower East Side, die St. Marks Church, eine der zahllosen Veranstaltungen gegen Bush: Hier hatte sich auf dem Höhepunkt des Irak-Kriegs ein anderes Publikum getroffen. Mark Crispin Miller, der Verfasser des satirischen Bush Dyslexicon warnte vor einem Faschismus in den USA. Ein iranischer Autor erläutert den Amerikahass. Zwischen beiden saß Amy Goodman, die legendäre Moderatorin von WBAI, dem linksalternativen New Yorker Radiosender. Im Publikum, alles linke Szene, waren sich alle einig, weiter Flagge zu zeigen. Bis es aus einem Jungen herausbricht: "Ich war am letzten Wochenende auf der Demo, und da haben Leute gerufen: ,Dieser Krieg ist bloß wegen den Juden!‘ Ich habe mich zu denen umgedreht und gesagt: ,Hey – ich bin Jude! Und ich bin hier!" Der Saal spendete ihm Beifall. Der Junge fügte ein wenig ängstlich hinzu. "Was soll ich machen, wenn mir wieder jemand so kommt?" Amy Goodman griff zum Mikrofon: "Mein Großvater war Rabbiner, und meine Mutter stammt von mehreren Generationen chassidischer Rabbis ab. Und ich bin gegen den Krieg. Ich lasse mir von den Neocons, die Bush beraten, nicht erzählen, dass sie mich repräsentieren!"

Dass sich jüdische Organisationen in den USA mit Bush so eng assoziiert haben, hat zu einem schmerzhaften Riss durch die jüdische Gemeinde geführt. Manche, die sich plötzlich als Minderheit innerhalb der organisierten Linken wiederfinden, verstört das. Andere, die sich bis dato als liberal definiert hatten, zeigen dafür Verständnis. Wie zum Beispiel J. J. Goldberg. Goldberg ist ein schmaler, nervöser New Yorker Intellektueller, den man sich gut in einem Woody-Allen-Film vorstellen könnte. Er ist Chefredakteur des Forward, der wichtigsten jüdischen Zeitschrift der USA mit einer langen liberalen Tradition. "Ja, sicher, Juden sind konservativer geworden", sagt er. "Was erwarten Sie? Wir stehen unter Schock. Die Intifada, das Attentat auf das World Trade Center, dazu kommt, dass der Krieg gegen den Terrorismus zur parteipolitischen Angelegenheit geworden ist: Die Republikaner nehmen ihn ernst, die Demokraten, vor allem die Linksliberalen, nicht so sehr. Und das beunruhigt sogar linke Juden, die immer demokratisch wählten."

Dramatisch ist nicht so sehr die Wende zum Konservativen, sondern der Umschwung, den das für jüdische Amerikaner bedeutet, die mehr als jede andere Gruppe das Rückgrat des liberalen, aufgeklärten, areligiösen, städtischen Bürgertums bilden. Die Arbeiterbewegung, der Protest gegen den Vietnamkrieg, die schwarze Bürgerrechtsbewegung – all das wäre ohne den Einfluss linksliberaler Juden undenkbar gewesen.

Als 1963 die Bürgerrechtsbewegung zum legendären Marsch auf Washington aufrief – wo Martin Luther King seine "I have a dream"- Rede hielt –, marschierten fast alle jüdischen Organisationen mit. Rabbi Joachim Prinz, der Präsident des American Jewish Congress, war einer der Redner.

Zum Jubiläum 40 Jahre später veranstaltete eine Koalition aus Bürgerrechtlern, Feministinnen, Schwulen und Lesben und Antikriegsgruppen in diesem September eine neue Kundgebung am Lincoln Memorial. Schwarze Aktivisten wie Jesse Jackson sprachen, aber der American Jewish Congress war nicht eingeladen. Der einzige jüdische Redner war Rabbi Arthur Waskow, Direktor des weit links außen stehenden Shalom Center in Philadelphia, der Bush mit dem biblischen Pharao verglich.

Aus Sorge um Israel