Etwas ist passiert. Eine ungenaue Katastrophe. Eine Art Seuche, die das Wasser vergiftet, den Nachbarn zum Paranoiker und Fremde zu Totschlägern werden lässt. Die inneren Schweinehunde sind von der Kette gelassen. Eingeschüchtert zieht sich auch die Sprache zurück, auf die Einsilbigkeit des Misstrauens und den Imperativ der Instinkte. So ungefähr könnte der Anfang vom Ende der Welt aussehen.

In Wolfzeit von Michael Haneke beginnt die Heimsuchung auf dem Land. In der Stadt halten wirre Nachrichten von ländlichen Versorgungsengpässen in den Dörfern die Bevölkerung im Ahnungslosen. Als Anne Laurent (Isabelle Huppert) mit ihrem Mann Georges (Daniel Duval) und den Kindern zu ihrem entlegenen Ferienhäuschen fährt, ahnt niemand, dass der Wochenendtrip sie zu gespenstischen Urständen führen wird. Ein fremdes Paar hat sich mit einem Gewehr in ihrer Hütte verbarrikadiert. Georges versucht, seine Familie mit sanfter Rhetorik zu beschützen. Doch der Deeskalationsroutine des mittelständischen Liberalismus sind die panischen Eindringlinge nicht mehr zugänglich. Sie erschießen den Hausherren, nehmen sich den Kombi und die Vorräte. Noch unter Schock machen sich die Überlebenden mit einem Fahrrad auf Herbergssuche. Vorbei an brennenden Mülltonnen, ausgeweideten Tieren und den Festungen des Ausnahmezustands. Immer tiefer hinein in eine Szenerie vagabundierender Selbsterhaltungstriebe, in eine untergehende Welt, in der es auch bei Tag nie richtig hell wird und in der die moltonschwarze Nacht die Schwächsten verschluckt.

Es sind diese diffusen Lichtstimmungen, die Hanekes jüngsten Film trotz aller Sperrigkeiten, Überspanntheiten und gewöhnungsbedürftiger Mystik so virtuos und beklemmend machen. Und die unglaubliche Szene, in der sich Anne nachts auf die Suche nach ihrem verlorenen Sohn begibt. Hupperts scharfkantige Schreie erfüllen eine düstere Leinwand, auf der uns nur ein entferntes Flackern über die Tiefendimension des Albtraums Auskunft gibt. Ein kurz aufflammendes Strohbündel, dass die Mutter vor ihrem Gesicht entzündet, beruhigt uns wie kleine Kinder, die wissen, dass sie noch da ist, dass sie die Suche noch nicht aufgegeben hat. So allein hat man uns selten im Kino gelassen.

Dabei sieht die Zukunft von Wolfzeit vertraut aus. Sie beginnt in einer unspezifischen Gegenwart, die angesichts all der realen Quellen für globale Hysterien, wie Sars und die Anschläge vom 11. September, zu den kühnsten Projektionen einlädt. Die Gesichter sind blass, die Farben stumpf, und die Oberfläche wirkt so aufgeraut wie Annes zu kalte Hände. Selbst die Natur hat etwas Verwahrlostes.

Anders als in Hanekes früheren filmischen Grundlagenforschungen zu Gewalt und zum Obszönen, verortet der bekennende Moralist das Übel hier nicht in den Medien. Es entspringt diesmal vor allem einer patriarchalen Hackordnung. Im Tauschhandel um Wasser und Brot verdirbt die männliche Gier die Preise und fordert ihre täglichen Tribute. So steigt Rudelführer Koslowski (Oliver Gourmet), dem sich auch Annes Familie unterordnen wird, im ausrangierten Güterwagon auf die Frauen, die für eine Konserve sonst nichts mehr bieten können.

Haneke scheint in Wolfzeit alles daran zu setzen, die Spätfolgen der Aufklärung mit ihren verdrängten Mythen zu konfrontieren. Kollektive Einbildungsgabe und die Sehnsucht nach Spiritualität erschaffen Legenden von neuen Heiligen. So befeuern sich im Wartesaal des Bahnhofs, in dem Anne auf andere Überlebende trifft, die Eschatologien gegenseitig. Man hofft auf einen Zug, mit dem man noch einmal davonkommen könnte, und auf eine neue Generation, die Buße ableistet für die Sünden der Eltern. Rein und dennoch schuldbewusst muss sie sein.

Ging es in Haneke-Filmen wie Der siebente Kontinent, Bennys Video oder Funny Games um die mit dünnhäutiger Harmonie getarnte Heillosigkeit der Kleinfamilie, haben sich Mutter und Kind in Wolfzeit an ihre ursprüngliche Pragmatik zu erinnern. An die arbeitsteilige Nahrungsbeschaffung, die Sicherung der Schlaf- und Futterstellen. Aus dieser Funktionalität ergibt sich auch die Ökonomie der Gefühle. So beschreibt Annes Tochter in einem Brief an den toten Vater ihre selbstdisziplinarischen Anstrengungen zum Wohle der Familientruppenmoral. Bricht Huppert nach all den Strapazen ein, zweimal kurz in Tränen aus, verbirgt sie ihr entgleistes Gesicht schnell hinter den Händen. Individualität scheint nur noch eine Frage der Selbstbeherrschung zu sein. Das ist der Preis fürs Fortbestehen.

Die Familie mag ein seltsames Konstrukt sein. Ignorant gegenüber ihren Inszenierungen, traumatisch in ihren Effekten. Doch zum ersten Mal sieht es so aus, als setze Haneke alle Hoffnungen in sie.