Ist er nun tot oder nur gestorben? Und wenn er tot wäre, tot im Sinne von überholt durch Jüngere, Klügere, tot im Sinne von nicht mehr auf dem neuesten Stand der Geschichtsphilosophie, lässt er sich dann wenigstens wiederbeleben? Das war die Frage, die sich an Heiner Müllers 75. Geburtstag stellte, sein engster Freund, der Schauspieler Ulrich Mühe, sollte mit der Inszenierung eines Textes, den er einst selbst gespielt hatte, die Antwort liefern, die Festgemeinde jedenfalls bereitete sich ernsthaft vor und hortete bereits Wochen vor dem Verhandlungstermin die Beweisgrundlagen. Am 9. Januar 2004, dem Tag, als Heiner Müllers Auftrag in Berlin Premiere hatte, gab es in der Stadt kein Exemplar des entsprechenden Bandes aus der Suhrkamp-Werkausgabe mehr zu kaufen, die Buchhändler behaupteten, dass das Buch selbst beim Grossisten nicht mehr vorrätig sei.

Berlin hatte sich gewappnet, aber Mühe entzog sich dem Sensationsbedürfnis der Menge durch passiven Widerstand. Zwar bekam er aus dem Hauptstadtkulturfonds genug Geld für eine große Show und hatte das, was man Starbesetzung nennt, zur Verfügung: Ekkehard Schall, Udo Samel, Herbert Knaup, Inge Keller, Christiane Paul, Florian Lukas. Doch Mühe stellte Müllers über zwanzig Jahre altes Revolutionsdrama genauso auf die Bühne, wie es im Buch steht, leistete sich lediglich den antiquierten Pomp eines Guckkastens voll rostiger Trümmer. Erich Wonders Bühnenbild reaktivierte jene wohlvertraute letzte Welt aus dem vergangenen Jahrhundert, wo sich das Dasein stets als Endspiel ereignet: Der Schiffbruch ist erlitten, die Fundamente der Zukunft sind heruntergebrannt.

Verwaltet wird der Niedergang von zwei allegorischen Unheilsfiguren in weißen Feenkostümen (einem jungen, schönen "Engel der Verzweiflung" und einer monströsen "Erste Liebe") sowie von drei abgehalfterten Helden in zerschlissener Aufrührermontur, den aufs Normalformat der negativen Anthropologie zurückgeschrumpften neuen Menschen – der Verräter am großen Auftrag, der Kämpfer in eigener Sache, der vom Dienst suspendierte Soldat der Revolution. Sie sind vernarbt und blutbesudelt, niedergedrückt von uneingestandener Resignation. Sie sprechen ihren Text, wie bei Brecht gelernt, meist ins Publikum beziehungsweise über dessen Köpfe hinweg in die Ferne. Manchmal, selten, wenden sich die Figuren einander zu, versteigen sich zu einer übertriebenen Geste, einem Geschrei, einem Haareraufen. Darin besteht fast der ganze inszenatorische Aufwand, aber Ulrich Mühe zeigt, dass ein unterlassener Wiederbelebungsversuch an einem großen Autor viel Platz für einen großen Text schaffen kann.

Dessen Handlung spielt in so entlegener Gegend, sein politisch-historischer Pessimismus ist seit Büchners Danton und Walter Benjamins "Engel der Geschichte", der mit seinem schweren Flügelschlag den kontinuierlichen Takt der Katastrophen vorgibt, so selbstverständlich geworden, dass man behaupten mag, Müllers Auftrag sei schon vor seiner Niederschrift überholt gewesen. Das Stück handelt von drei Abgesandten des französischen Konvents, die nach Jamaika geschickt werden, um einen Aufstand gegen die britischen Kolonialherren zu entfesseln. Während ihrer Mission gelangt Napoleon Bonaparte an die Macht und erklärt die Revolution für beendet. Die drei Emissäre stehen plötzlich ohne Auftrag da. Wohin nun mit dem linken Bewusstsein? Wofür kämpfen, wenn die Kampfmoral nicht mehr auf der Gewissheit beruht, dass man im Dienste des gesetzmäßigen Fortschritts handelt?

Heiner Müller stellte Fragen, die älter waren als die DDR, aber er stellte sie nicht, als seien sie neu, sondern zitierte sie so, dass ihr überzeitlicher Charakter deutlich wurde, dass sie die Fortdauer und stete Verkomplizierung eines bekannten Problems unterstrichen. Müller zeigt die Welt im Zustand gestockter Widersprüche, er spricht in der paradoxen Redeweise, in der unauflösbaren Vieldeutigkeit gegenaufklärerischen Argumentierens über Entwicklung als Entwicklungslosigkeit. "Joch der Freiheit", "unbekannter Auftrag", "Heimweh nach dem Gefängnis" lauten die Schlagworte einer Dramatik, die das Tragische und das Absurde menschlichen Wollens gleichzeitig zum Ausdruck bringt.

Müller hat vielleicht am mutigsten von allen DDR-Autoren mit der Geschichtsphilosophie gespielt. Wolokolamsker Chaussee, Hamletmaschine, Germania 3 Gespenster am Toten Mann sind als Echoräume konzipiert. Jedes Wort ist nur Zitat, und in der Zerissenheit der Zitate erst ergibt sich die anders nicht mehr explizierbare Wahrheit. Auch die Figuren im Auftrag können von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, von ihrer Hoffnung und ihrer Enttäuschung nur zitierend sprechen. Müller glaubte allerdings, dass die Komplexität solchen Sprechens durch das Theater zerstört werde. "Man kann immer nur einen Aspekt inszenieren, die anderen muss man zurückdrängen oder ausklammern." Wie Recht der Autor hatte, konnte man in Berlin erleben. Am stärksten war die Inszenierung dann, wenn nur noch rezitiert wurde, beispielsweise wenn Udo Samel zehn Minuten lang unbewegt monologisierte, den Blick starr auf einen Punkt gerichtet. Der furiose Auftritt Inge Kellers als "Erste Liebe" war vielleicht spektakulärer, aber gewiss weniger vielsagend.

"Ich glaube grundsätzlich, dass Literatur dazu da ist, dem Theater Widerstand zu leisten", fand Müller. Wird, wie man in der DDR gefragt hätte, dieser Dichter so den Problemen unserer Menschen gerecht? Das Problem, ob und wie man sich die Zukunft, gar eine neue Ordnung vorzustellen hat, wenn man die Vergangenheit kennt und die Gegenwart ansieht, war bereits bei der Uraufführung des Auftrags 1980 bis zum Überdruss diskutiert worden. Die Bedrängnisse entstammten zwar der Realität, aber sie überschritten die Realität bereits maßlos. Sie zu Ende zu denken war nur näherungsweise möglich, sie zu Ende zu fürchten gelingt vielleicht nur in der Literatur.

Dass Heiner Müller es konnte, hat Mühe in seiner altmodischen Zurückhaltung eindrucksvoll demonstriert. "Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution" – die konträren Kernthesen des Auftrags beklagen nicht mehr, was Brecht oder Sartre oder Anna Seghers beklagt hätten, dass nämlich die Revolution durch ihre notwendige Gewalt diskreditiert wird. In seinem Lehrstück Mauser fragte Müller 1970: "Wozu das Töten und wozu das Sterben / Wenn der Preis der Revolution die Revolution ist / Die zu Befreienden der Preis der Freiheit."

Im Auftrag ist die Revolution von Anfang an am Ende. Müller versteht Geschichte zwar noch immer als Folge von Ursachen und Wirkungen, aber im Ganzen, als Kette, führen sie an kein Ziel und geben keinen Sinn. Wer diese Erkenntnis heute überholt findet und glaubt, dass der Westen nach dem Ende der linken Utopie aus den gestockten Widersprüchen heraus ist, der mag Müller für einen toten Autor halten und wird Ulrich Mühes Inszenierung nichts abgewinnen. Alle anderen können weiter von Revolution reden, obwohl ihr die Grundlagen abhanden gekommen sind; die Metapher dieser fehlenden Grundlagen ist eben der ungültig gewordene Auftrag. Walter Benjamin hat die Kontinuität des Scheiterns beschrieben, Heiner Müller geht weiter: "Mein Interesse an der Wiederkehr des Gleichen ist ein Interesse an der Sprengung des Kontinuums." Damit bleibt er der Zeit voraus. Kurzfristig tot, langfristig lebendig.