Der koreanische Autobauer Kia wirbt für "The car that cares". Das Auto, das sich kümmert. Aber kann ein Auto sich kümmern? Und wenn ja: Um wen oder was? Der Name Opirus, so lässt der Hersteller seine Texter weiter fabulieren, leite sich ab von Ophir, jener biblischen Stadt, aus der schon König Salomo Gold und Edelsteine holen ließ. Das Presseheft zitiert hier den britischen Dichter John Masefield (1878bis1967): "Quinquireme of Nineveh from distant Ophir". Lyrik in einer Autobroschüre – endlich traut sich das mal jemand!

Eine Quinquireme, das stand nicht einmal in meinem Brockhaus, ist ein antikes Ruderkriegsschiff, bei dem fünf Ruderer eine Einheit bilden. Es wäre falsch, eine Quinquireme als Galeere zu bezeichnen, weil diese Schiffe bereits von den Karthagern zur Perfektion entwickelt wurden und Galeeren erst im späten Mittelalter aufkamen. Aber Schiffe sind natürlich immer gut für Assoziationen; und die Reise an Bord einer Quinquereme stellt man sich spontan so vor: schlechte Sitze, keine Klimaanlage, grauenhafte Musik. Gut, dass der Opirus ein Auto ist und man nicht selbst an die Riemen muss.

Die historische Lage der Stadt Ophir wird heute im Westen der arabischen Halbinsel vermutet. Das Auto stammt, so viel ist sicher, aus der Stadt Hwasung auf der Halbinsel Korea. Rund ein Viertel der knapp 200000 Einwohner arbeitet dort bei Kia. Mit ihrer Hilfe und der des seligen John Masefield möchte es Kia den Japanern gleichtun, deren Lexus-Limousinen der Aufstieg in die Oberklasse gelang. Um dieses Ziel zu erreichen, haben nicht nur die Texter, sondern auch die Designer nach allem gegriffen, was in ihren Augen Prestige verheißt. Die Vier-Augen-Front: eine Reverenz an die EKlasse von Mercedes. Der Kühlergrill: vom Jaguar S-Type. Die steil abfallende Heckscheibe einer Stretch-Limousine, die Rückansicht Bentley-like. Die Kia-Dichter nennen das "europäische Retro-Stilelemente". Will sagen: das alte Europa.

Was verstehen Koreaner darunter? Das Gefühl, in einer Festung zu sitzen. Als direkte Konkurrenten nennt Kia nicht BMW, Mercedes oder Audi, sondern die großen Modelle von Renault, Peugeot oder Nissan. Beinah alles enthält die Ausstattung, was in der Oberklasse – meist gegen Aufpreis – Pflicht ist: Xenon-Scheinwerfer, ein halbes Dutzend Fahrsicherheitssysteme, Regen- und Dämmerungssensor, Navigationssystem, acht Airbags, Sitze mit Memory-Funktion und vor allem: Holz, Leder, Chrom. Ein opulentes, fünf Meter langes Schiff, in dessen Kofferraum genug Platz ist für all das Sandelholz und den süßen Wein, von dem der Dichter Masefield schwärmte.

Für den Preis eines Opirus bekommt man bei einer deutschen Edelmarke kaum die Karosserie. Seine Verarbeitung ist tadellos. Als unschlagbares Verkaufsargument gibt es fünf Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung und sogar zwei Jahre auf Bremsbeläge und Glühbirnen. Ein kluger Zug, da sich die meisten deutschen Hersteller gerade in die so genannte Gewährleistung verabschiedet haben und Ärger auf die Händler abwälzen.

Anvisierte Kundschaft für den Opirus sind "Selbständige zwischen Mitte 40 und Ende 50", "Geschäftsleute, die gerade ihr eigenes Unternehmen oder eine neue Karriere starten" oder "jüngere Freiberufler, die sich ihre erste Luxuslimousine kaufen möchten, ohne allerdings in der Situation zu sein, sich ein Modell der traditionellen Marken leisten zu können", wie der Hersteller wortreich verlautbart. Vielleicht erinnert die Innenausstattung deshalb an ein Vertreter-Hotel, in dem Männer mit Pierre-Cardin-Brillen und etwas zu bunten Krawatten an der Bar sitzen. Spesenritter-Barock.

Aber was heißt schon Luxus? Früher dachte man: Das ist die gepolsterte Mittelarmlehne aus Stuttgart. Heute ist schon ein Ford Focus eingerichtet wie ein Wohnzimmer. Immer neue Features müssen sich die Hersteller einfallen lassen – und dann erleben, wie die durch billigere Modelle demokratisiert werden. Der Opirus ist vielleicht nicht ganz geschmackssicher, aber immerhin: sicher. Und so etwas wie eine elektronische Lendenwirbelstütze werden nicht nur reifere Herren zu schätzen wissen.

Wie fährt sich das? Zunächst einmal gediegen. In der Stadt verhält der Opirus sich wie ein Livrierter mit Handschuhen. Für genau dieses Personal gibt es auch eine supergeheime Geheimschaltung, mit der man den Kofferraum verriegelt, damit der Park-Page eines Hotels ihn nicht öffnen kann. Das ist praktisch, wenn man eine Leiche drinliegen hat. Zwei würden auch reinpassen. Außerdem lassen sich die jedem Erdenbürger zugeteilten 15 Minuten Prominenz mit Heck- und Seitenvorhängen erträglich gestalten.