Ich habe als Kind Hanni und Nanni verschlungen und viele Bücher von Karl May. Doch wirklich tief beeindruckt hat mich erst Homo Faber von Max Frisch – eine Pflichtlektüre im Deutschunterricht. Ich war in der zwölften Klasse und hatte beschlossen, nach dem Abitur Theologie zu studieren. Meine Mitschülerinnen haben mich damit auf die Schippe genommen; an Gott zu glauben, galt Mitte der siebziger Jahre als ziemlich lächerlich. An Homo Faber habe ich mich abgearbeitet und darin viele Argumente gefunden für meinen Studienwunsch: Es ist eben nicht alles rational und vorhersehbar.

In dem Buch geht es um den Ingenieur Walter Faber, der vom Fortschritt, von der Technik und der Berechenbarkeit des Lebens geradezu besessen ist. Doch plötzlich brechen Gefühl und Schicksal über ihn herein: Er lernt die junge Sabeth kennen und beginnt ein Verhältnis mit ihr. Er ahnt, dass sie seine Tochter sein könnte, aber er verwirft den Gedanken: Das wäre statistisch doch gar nicht möglich, glaubt er.

Meine Freundin Gaby und ich haben uns furchtbar gestritten: Sie meinte, dass Faber wirklich nicht wissen konnte, dass sie seine Tochter war, und damit keine Schuld trug. Ich meinte, dass er nur versuchte, seine Schuld abzuwälzen. Das ist eine ziemlich theologische Frage.

Bei uns zu Hause war Lesen immer sehr wichtig: Meine Mutter hat reines Amüsement, etwa, ins Kino zu gehen, eher abgelehnt. Ganz spät im Bett liegen und schmökern, das durften meine Schwestern und ich aber. Meiner Mutter bedeuteten Lesen und Bildung sozialen Aufstieg. Für mich waren Bücher eher so faszinierend, weil ich durch sie in fremde Welten eintauchen konnte. Eine Schwester und ich haben manchmal dasselbe Buch gelesen und dann darüber gesprochen. Das tun wir auch heute noch, zuletzt mit den Korrekturen von Jonathan Franzen, die ich im Urlaub auf Rhodos gelesen habe.

Meinen vier Töchtern habe ich jede Menge vorgelesen: alle Bücher von Astrid Lindgren etwa. Zwei meiner Töchter lesen mittlerweile auch begeistert, die eine historische Romane, die andere Harry Potter und Tolkien. Die beiden anderen nehmen eher selten ein Buch zur Hand. Erziehung ist eben doch nicht alles.

Ich finde aber, dass es Geschichten gibt, die Kinder einfach kennen müssen. Die von Josef und seinen Brüdern aus der Bibel zum Beispiel. Die werde ich auch in dem Kindergarten in Hannover vorlesen, den ich im Frühjahr besuche. In der Bibel gibt es viele wunderbare Geschichten. Ich lese fast jeden Morgen in ihr und habe kürzlich wieder eine Stelle entdeckt, die mir ganz fremd war. Wenn ich mit einem einzigen Buch auf die berühmte einsame Insel müsste, ich würde die Bibel mitnehmen. Die kann niemand je ganz auslesen.

Margot Käßmann, 45, ist seit 1999 Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Hannover und die erste Frau in diesem Amt. Sie hat vier Töchter im Alter von 12 bis 21 Jahren