Die meisten Jurastudenten gehen zum Repetitor, wenn das Examen naht. Aber ich habe mich damals entschieden, es ohne zu versuchen. Dabei bin ich gar kein Freak, dem Jura zufliegt, im Gegenteil, ich habe während des Studiums oft sehr gelitten. Ich glaube, bei meiner Entscheidung war eine Spur Idealismus dabei – und ein bisschen Trotz. Und dann gibt es in München an der Universität ein sehr gutes Zivilrechtstutorium für Examenskandidaten. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich es wohl nicht gewagt.

Bei uns in der WG waren wir drei Juristinnen, die aufs Examen lernten. Manchmal hat jede Woche eine andere geheult, dann saßen wir in der Küche und haben uns gegenseitig getröstet. Meine Mitbewohnerin Katrin war auch meine Lernpartnerin – insgesamt waren wir zu dritt in einer Lerngruppe. Wir trafen uns zweimal die Woche; jedes Mal musste ein anderer einen Fall vorbereiten und ihn dann den anderen erklären. Das war richtig gut. Was der eine nicht kapiert, kapiert der andere. Man lässt die Dinge nicht so leicht schleifen, denn man will sich vor den anderen nicht blamieren. Außerdem bringen sie einen auf den Boden zurück. Ich bin eher eine Theoretikerin, glaube immer genau wissen zu müssen, warum etwas so ist. Die anderen haben mich dann gestoppt: "Das merkst du dir jetzt einfach." Eine ganz wichtige Erfahrung für mich aus dieser Zeit ist, dass es keine Patentrezepte gibt. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Das klingt abgedroschen, ja, aber es stimmt.

Eine meiner Mitbewohnerinnen war zum Beispiel irrsinnig diszipliniert, Lernzeit war Lernzeit, und Freizeit Freizeit. Ich dagegen habe schon mal einen Tag verbummelt, dann aber am Wochenende nachgelernt – und bin damit gut klar gekommen, seit ich mir deswegen kein schlechtes Gewissen mehr machte. Oder die Karteikarten. Die anderen haben immer alles schön akribisch auf Karteikarten geschrieben. Ich dachte erst, ich muss auch ein supertolles Karteikartensystem haben, das wird ja auch überall empfohlen. Aber ich kam damit nicht klar. Später habe ich dann Exzerpte auf großen Blättern gemacht – auf meine Weise, und das war für mich eben besser.

Ungefähr ein Jahr nachdem ich mit dem Pauken angefangen hatte, wurden die Probeklausuren mit einem Mal besser. Langsam bekam ich das Gefühl, die Grundlagen verstanden zu haben, die Mechanismen zu durchschauen. Das war dieser berühmte Knackpunkt. Von da an fiel es mir auch leichter, mir Feinheiten zu merken. Ich hätte damals direkt ins Examen gehen können, zusammen mit Katrin. Aber ich habe mich nicht verrückt machen lassen von dem Druck, dass man so früh wie möglich fertig werden muss, um nicht zu alt zu sein. Ich habe mir noch ein halbes Jahr zum Lernen gegönnt – es hat sich gelohnt. Ich habe 12,5 Punkte gemacht, für Juristen ist das gut.

Einer der Assistenten an der Uni hat zu uns nervösen Studenten einmal gesagt: "Wenn es gut geht, relativiert es sich hinterher, und wenn es schlecht läuft, auch." Damals habe ich gedacht "Na ja, du hast leicht reden." Aber jetzt weiß ich, er hatte Recht.