Es sieht so aus wie eine echte Altstadt. Pittoreske Türmchen, zahlreiche Giebel und kleine Häuser, praktischerweise alles gut sichtbar an der Autobahn A3 zwischen Würzburg und Nürnberg gelegen. Doch der romantische Anblick, der die Autofahrer zur spontanen Pause verleiten soll, ist bloße Show: eine pseudofränkische Fachwerkidylle aus der Retorte, geschaffen einzig zu dem Zweck, Durchreisenden das Geld aus der Tasche zu locken.

Wertheim Village heißt Deutschlands jüngstes Factory-Outlet-Center (FOC), das der britische Investor Value Retail nahe der Stadt Wertheim am Main aus dem Boden stampfen ließ. Mitten in simulierten Altstadtgassen sollen marken- und preisbewusste Kunden Vorsaisonware und Restposten bekannter Markenkleidung zum Schnäppchenpreis kaufen können. Früher hieß so etwas Fabrikverkauf und fand deutschlandweit an den jeweiligen Produktionsstätten von Markenherstellern wie Boss oder Esprit statt. Heute bündeln FOC den Verkauf ab Werk in eigenen Zentren. So weit das Konzept.

Den Franken ist damit, so glauben sie, ein Coup gelungen. "Ein Hingucker", wie Wertheims Wirtschaftsförderer Jürgen Strahlheim schwärmt. Doch ob das Einkaufsparadies mit Disneyland-Architektur ein finanzieller Erfolg wird, ist noch längst nicht ausgemacht. Bei der Eröffnung des Zentrums im November – von Value Retail als "soft opening" angekündigt – konnten Besucher gerade mal in 20 Geschäften einkaufen.

"Am liebsten hätten wir keine Outlets"

Ausgelegt ist das Projekt allerdings für mehr als 50 Läden. Und unter den Mietern befinden sich nicht ausschließlich Spitzenmarken wie Trussardi, Timberland oder Reebok, sondern auch weniger renommierte Anbieter wie Mexx, Pinko oder der türkische Herrenkonfektionär Savar. Für John Quinn, den smarten Chef der deutschen Dependance von Value Retail, ist das alles ganz normal. "Nur zehn oder zwanzig Läden bei der Eröffnung ist nicht untypisch", sagt er. Quinn hofft, im Laufe der Zeit noch weitere attraktive Marken akquirieren zu können. "Viele Ihrer Lieblingsmarken eröffnen in Kürze" heißt es derzeit vielversprechend im Internet-Auftritt des Village. Konkret genannt werden zwei: Trendhouse und River Woods.

Auf drei Große der Branche wird Quinn wohl verzichten müssen. Puma, adidas und Nike haben gerade ihre eigenen Outlets im fränkischen Herzogenaurach vergrößert. Das liegt nur 120 Autobahnkilometer weit entfernt, und da echte Schnäppchenjäger normalerweise keine Wege scheuen, könnten sie ihrerseits dem Village einen Teil der Kunden abjagen.

Das Thema Factory-Outlet hat in Deutschland nach anfänglicher Euphorie ohnehin an Dynamik verloren. Von 30 oder gar 50 möglichen FOC-Standorten, die noch vor ein paar Jahren in der Diskussion waren, spreche heute niemand mehr, sagt Gerhard Beck. Er ist Projektleiter bei der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung in Ludwigsburg und hat im Auftrag der Bundesregierung den FOC-Boom in Deutschland analysiert. "Die Zeiten sind längst vorbei, dass jeder, der schon mal einen Supermarkt für Aldi oder Lidl gebaut hat, ein FOC hochziehen wollte", sagt er. Bislang stehen gerade mal drei solche Center in der Bundesrepublik, in Zweibrücken, in Wustermark nahe Berlin – und eben in Wertheim. Becks Prognose: Fabrikverkauf bleibt eine Nische. Vom Umsatz der gesamten deutschen Textilindustrie, immerhin rund 14 Milliarden Euro, dürften die Outlet-Center höchstens ein Prozent abbekommen.

Die Lust an der Schnäppchenjagd ist zwar nicht vorbei, in der Bekleidungsbranche tobt ein gnadenloser Preiskampf. Aber nun werden Textilien auch in den Innenstädten immer billiger. Außerdem haben FOC zwei weitere Nachteile, sagt Barbara Hahn. Die Wirtschaftsgeografin an der Uni Würzburg hat jahrelang über das Thema Fabrikverkauf geforscht. Problem Nummer eins sind lange Planungsphasen und der Widerstand regionaler Einzelhändler, der auch beim Wertheim Village beträchtlich war. Problem Nummer zwei ist die Zurückhaltung vieler Markenproduzenten. Ohne diese, so Hahn, sei das Konzept der Outlets zum Scheitern verurteilt. Ist die niedrige Auslastung zur Eröffnung des Wertheim Village gar ein Zeichen für den Anfang vom Ende?