Vor kurzer oder langer Zeit lebte einer, der eigensinnig erzählte. Er spinntisierte das Unscheinbare ins Ungeahnte und blieb doch bei dem Kleinen, das Große so leicht übersehen. Warum hat die Kinderliteratur ihn nicht längst entdeckt, den Robert Walser? Vielleicht, weil man ihn zu sehr zum Germanisten-Objekt machte. Indirekt ist er lange schon beim jungen Publikum: zwischen den Zeilen von Peter Bichsel und Jürg Schubiger.

Wenn Käthi Bhend jetzt mit ihren Illustrationen einen Walser-Text in die Kinderliteratur transferiert, dann ist nicht der Publikumswechsel das Kühne, Sätze eines Suhrkamp-Autors haben durchaus einen Marktwert. Gewagt ist das Bebildern. Wie viel Konkretisierung ertragen Fantasien? Nun, das Fehlen von Eins-zu-eins-Bildern belegt die Kunst der Schweizer Illustratorin. Dass sie davor gefeit ist, hat mit ihrer Art zu tun. Allein schon, dass sie aus Lampe, Papier und Handschuh (einem Text im Band Der Spaziergang) diese Kürzestgeschichte herauslöst, zeigt ihre eigenständige Lesart. Zudem hat Bhend in über dreißig Berufsjahren ihre Kunst der mehrdeutigen Details und vexierbildhaften Anspielungen perfektioniert. Ihre kindlichrealistischen Bildmomente wirken nie bieder, die naturnahen Farben nicht zu brav. Vielmehr ist die Zeichensprache ihres feinen Strichs immer geistreich und verspielt.

Und da Bhend die Farbauszüge einzeln strichelte, hat kein Raster die Farben separiert, bietet das Druckbild Originalatmosphäre.

"Vor kurzer oder langer Zeit lebte einer, der nichts merkte." Ein Tonfall wie im Märchen und ein poetisches Vielleicht. Das Bild zögert nicht. Es zeigt den Mann, der im übervollen Wohnzimmer die eigene Familie nicht wahrnimmt. Mit seiner Zigarre zündet er die Zeitung an, die er liest, daneben ein Kind, das Tischtuch zerschnipselnd. "Auf nichts achtete er, alles war ihm sozusagen schnuppe." Der saloppe Begriff akzentuiert, dass Walser nicht von einem vergeistigten Mann erzählt, bloß von einem, der "gedankenlos und leer" war.

Entsprechend entwickelt Käthi Bhend keine abgehobene Symbolik. Sie inszeniert die Alltäglichkeit, in der der Mann erratisch erscheint. Zugleich aber erweitert sie den Text, indem sie auf Walsers Werk- und Lebensspuren weiterdenkt.

Als Herr Binggeli schließlich effektiv den Kopf verliert, als der Mann also wirklich nichts mehr wahrnehmen kann, da lässt ihn Bhend in einem Schneegestöber verschwinden. Die Raumlinien sind aufgelöst, ein Tod "beiseit" wie der des Dichters selbst. Dann aber ragt da Binggelis Nase aus dem Schnee, und eine Katze beschnuppert sie. Bhend bringt hier das "für die Katz" ins Spiel, eine durch und durch Walsersche Formel. Am Anfang des Buches liest man sie wie eine Widmung. Und zum Schluss - im Bild präsent - übernimmt die Katze den Part des Autors, der fragt: "Glaubst du das?" Während der Text sich also staunend und augenzwinkernd davonmacht, wirft das Bild neue Fragen auf. Und Bhend gibt noch eins drauf. Sie spinnt die Geschichte weiter, zeigt, wie Frau Binggeli ihrem Mann den Kopf annäht. Eine Szene, so naiv logisch wie Walsers Einfälle. Seine Miniaturen wurden oft als "Kopfgeburten" bezeichnet. Käthi Bhends Bildideen geben dieser Einsicht neu Gestalt - stupend und stimmig.

Robert Walser/Käthi Bhend (Ill.):

Einer, der nichts merkte

Atlantis Verlag, Zürich 2003 - 36 S., 19,50 e (ab 6 Jahren)