Durch die offene Tür sieht man eine helle, staubige Ebene, irgendwo im Süden. "One moment / passes", setzt die Stimme ein, " another / comes on." Eine Hand blättert beim Lesen die Seiten eines Buches um, auf jedem Blatt nur wenige Wörter. Ein Hahn kräht. "How was / was // How is / is / How will be // will be." Ein weißbärtiger alter Mann lächelt. Es ist die erste Begegnung mit dem amerikanischen Dichter Robert Lax in einem deutschen Dokumentarfilm von 1995, Robert Lax taucht auf und verschwindet. Zuerst der Film von Nicolas Humpert und Werner Penzel, dann die Videoinstallation 1999, Three Windows, die Nachricht vom Tod 2000, jetzt eine Doppel-CD mit Robert Lax, der liest, mit der musikalischen Hommage von Popgruppen – wake up. re: lax . Und wieder bleibt die Zeit kurz stehen.

Der Hahn, die Buchseiten, die Poesie, die Geräusche – nur sie gelten, nur sie sind. Der Schwarzweißfilm verbindet Nomaden in Afrika, einen Zirkus in Frankreich, einen Dichter auf Patmos, drei Lebensformen, die nur sich selbst meinen, nichts darüber hinaus. Sie bedeuten nur eins, die höchste Konzentration in einem Moment, in der – wie der traumhafte Film heißt – Middle Of The Moment . Nun, auf DVD erhältlich, ist ein 24-minütiger Film dazugefügt: Robert Lax in einer einzigen Einstellung, ein Mann mit schwarzer Mütze, stumm, nur die Augenlider bewegen sich, er wartet, er hört, er schaut. Am Ende blickt er direkt in die Kamera, in den Zuschauer – My Eye Your Eye. Es könnte jener Warholsche Filmgestus sein und ist doch das Abbild einer Literatur, die sich dem poetischen Ruhepunkt nähert. "Klänge kommen und gehen, aber die Stille bleibt. Stille, unverletzt, nur gelegentlich von Geräuschen unterbrochen. Der Kern ist Stille, dunkle Stille. Immer ist da eine Bewegung, ein Licht, ein Klang, dann hört es auf, und es bleibt nur dunkle Stille."

Robert Lax (1915 bis 2000), geboren in Olean im Staate New York, ist ein minimalistischer Dichter, einer, der Alltagsphilosophie, Meditation und Kunst verbindet, der "große Unbekannte der neueren amerikanischen Literatur", wie es seit 20 Jahren heißt und die nächsten 20 Jahre heißen wird. Das ist nicht bedauerlich, er hat es gewollt, er hat es gelebt. 1964 ging er nach Griechenland, zuerst nach Lesbos, dann Kalymnos, dann Patmos, schrieb in seinem kleinen Haus Gedichte, Tagebücher, steckte die Seiten in einen Plastiksack und schickte sie an Freunde. Wer sie veröffentlichen wollte, mochte das tun. Über 150 Publikationen in Kleinverlagen existieren, der Pendo Verlag in Zürich ist dabei führend, Hartmut Geerken und Sigrid Hauff fungieren als Entdecker, bis sich der Bayerische Rundfunk unter der Ägide Herbert Kapfers zum Forum macht, mit Lesungen, Hörspielen, nun gibt es eine Auswahl.

"This is the afternoon / a time / to make a poem / of the afternoon // the afternoon / is making / a poem/ of itself." Langsam, jedes Wort, jede Silbe klar, spricht er seine Gedichte, manchmal als Aphorismus, dann ein Dialog oder Dramolett, dann Kurzprosa oder einfach ein Satz, über den Gedanken samt Moral stolpern: "liebenswerter hund / frisst liebenswerte katze." Er ist ein Meister der Reduktion, und beinahe könnte man vergessen, dass er ein Leben vor 1964 führte, ein Leben als Redakteur desNew Yorker , als Filmkritiker für Time Magazine , als junger Künstler, als Freund von Thomas Merton, dem Trappistenmönch und Dichter, sowie von Ad Reinhardt, dem abstrakten Maler an der Grenze zur Monochromie, allesamt Vorläufer und -bilder der Beat-Generation.

Eine Reise mit dem Zirkus Cristiani durch Westkanada veränderte ihn schließlich vollständig. Das Leben der Artisten und Jongleure mit seinem Zyklus aus Aufbau – Probe – Vorstellung – Abbau wird ihm zum Inbild der Schöpfungsgeschichte, mit seiner Beschränkung auf das Nötigste, der Konzentration auf den Augenblick. "Poesie ist eine Lebensform, deren Ergebnisse Gedichte sind", schrieb Klaus Podak in einer Besprechung der Installation Three Windows in München. Und doch ist Lax, Kind österreichisch-jüdischer Auswanderer, weit entfernt von der Humorlosigkeit mönchischer Askese. Eher erscheint er als enger Verwandter von John Cage, mit seinem composed talk, mit dem Hallraum der Sprache, der Liebe zur Stille. Naheliegend also, dass auf der zweiten CD von wake up. re: lax die musikalische Avantgarde mit Remixes und Soundtracks die Pausen zwischen den Wörtern füllt. Gedichte als Partituren, siehe Tonträger, Seite 39.