Mit der zähen Legende der Frida Kahlo räumt endlich ein Buch auf! So denkt man zunächst voller Hoffnung, den einleitenden Satz dieses Prachtbandes lesend, der "neue Interpretationen und Untersuchungen" der verehrten Malerin verspricht. Doch leider verbleiben die Bildinterpretationen von Helga Prignitz-Pode innerhalb des üblichen, biografischen Schemas, ja, die Autorin treibt es sogar auf die Spitze. So wird tatsächlich die Darstellung eines gemaltes Balkongitters behend als Hinweis auf Kahlos Leben als Gefangene ihres Mannes, des Malers Diego Riviera gedeutet.

Nun könnte man natürlich einwenden, dass die Bilder von Kahlo, insbesondere ihre zahlreichen Selbstporträts, derartigen biografischen Spekulationen schließlich Vorschub leisten, weil sie die zentralen Ereignisse ihres Lebens - etwa ihren viel beschworenen Unfall - immer wieder illustrieren. Muss man aber den Biografismus der Kunst deshalb reproduzieren? Das würde ich bezweifeln. Man könnte Kahlos Bildern zum Beispiel mit Lektüren begegnen, die sich stärker auf deren hervorstechende Materialität (Farbe, Strichführung) beziehen. Oder auch der Frage nachgehen, ob und wie diese Bilder mit den künstlerischen Vereinbarungen und Moden ihrer Zeit kommunizieren. Mit Ausnahme einiger sozialhistorischer Hintergrundinformationen zur Kunstszene in Mexiko wird Kahlo in diesem Buch jedoch über ihren Kontext erhoben, so als schöpfe sie am Ende allein aus sich heraus. Schon die Kapiteleinteilung stimmt auf diesen individualisierenden, biografischen Ansatz ein: mit der Kindheit als erster Station, es folgt die Ehe mit Diego. Auch in den Kurzbiografien am Ende jedes Kapitels sind alle Lie- besaffären festgehalten.

Warum eigentlich? Aus welchem Grund sollten diese Informationen bedeutsam für die Auseinandersetzung mit Kahlos Kunst sein?

Gerade für Künstlerinnen gilt, dass sich die Rezeption stets begeistert auf ihr (vermeintliches) "Leben" stürzt, was im Gegenzug nicht selten die Vernachlässigung ihrer genuin künstlerischen Leistung bedeutet. Der vorliegende Fall ist noch anders gelagert: Obwohl die Kunst im Vordergrund stehen soll, werden hier am Ende doch die Lebensdaten der Künstlerin in die Werke hineingelesen oder in ihnen wiedergefunden. Dazu passt ein Verfahren, das für gegeben hält, was in den Bildern zu sehen ist. Zweifel über die (scheinbare) Evidenz des Dargestellten kommen niemals auf, auch dann nicht, wenn von "Verrrätselung" der Bilder die Rede ist. Denn auch dieser Verrätselung kommt man irgendwie auf die Spur. Dass die Malerei in Wirklichkeit aber eben nicht transparent ist und dass sie etwas zu sehen gibt, das sich nicht voll erschließt und seinerseits entzieht, ist eine Lektion der dekonstruktiven Ästhetik, von der diese Studie leider gänzlich unberührt geblieben ist.

Stattdessen wird den Bildern ein Inhalt oder die Darstellung eines Geschehens unterstellt, so als verstünden diese Inhalte sich von selbst. Das macht die Lektüre der im Übrigen sehr detailreichen Bildbeschreibungen auf Dauer ein wenig ermüdend. Zugute halten muss man diesem Buch jedoch, dass es Motivforschung betreibt. Die bei Kahlo notorisch zum Einsatz kommenden Motive - Affen, Masken oder Skelette etwa - werden gründlich untersucht. Nur hätte es einen an dieser Stelle doch interessiert, warum sich gerade diese Motive auch bei anderen Künstlern und Künstlerinnen im Umfeld des Surrealismus einer großen Beliebtheit erfreuten - und was mit ihnen auf dem Spiel stand. Am Ende ist die Kahlo-Legende nach ihrer kürzlichen Verfilmung einmal mehr vertieft worden - und zugleich ihre Fragwürdigkeit.

Helga Prignitz-Poda:

Frida Kahlo