Eines Abends erzählt der Russe im Kreise der alten Arbeitskollegen einen Witz. Unterhalten sich zwei Proletarier aus seiner Heimat. Sagt der eine: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben wir gemerkt, dass alles, was man uns vom Sozialismus erzählt hatte, gelogen war. – Viel schlimmer!, sagt der andere. Wir haben gemerkt, dass alles, was man uns über den Kapitalimus erzählt hatte, gestimmt hat.

Guter Witz – für einen Moment kommt Heiterkeit auf. Dann wird weiter gemuffelt. Denn die Arbeiter der spanischen Hafenstadt Vigo haben den Sozialismus zwar nie von innen gesehen. Aber das hässliche Gesicht des Kapitalismus kennen sie aus der Nähe. Seit die Werften dichtgemacht haben, weil’s die Koreaner dem Weltmarkt billiger besorgen, sind viele von ihnen arbeitslos – und eine sehr lange Weile schon. In der Bar eines Exkollegen trifft sich ein Häufchen Ausgebooteter regelmäßig am Tresen auf ein paar Runden Bier und zur Bestandsaufnahme. Fernando Leóns Film Montags in der Sonne kehrt immer wieder an diesen Tresen zurück. Zwischendurch zieht er Kreise. Er beobachtet, welche Gräben die Arbeitslosigkeit in die Familien gerissen, welche Schwarzen Löcher sie in die Seelen gesenkt, welche Mauern sie im öffentlichen Leben errichtet hat. Montags in der Sonne ist der Film zum Thema.

Als er im vorvergangenen Herbst in die spanischen Kinos kam, war der Jubel überwältigend. Zwischen vielen herzigen Komödien, parfümierten Dramen und halbgewalktem Thriller-Handwerk hatte die Kritik endlich ein aufrechtes, ausbalanciertes, wuchtiges Werk des engagierten Kinos vor sich. Sogar Schriftsteller schrieben Elogen und empfahlen "einen der besten spanischen Filme seit 10 oder 15, wenn nicht gar seit 30 Jahren" (Arturo Pérez-Reverte). Der Titel Los lunes al sol wurde schnell zur Chiffre, wenn es um Fragen des Arbeitsmarktes ging; kaum eine Analyse zur Beschäftigungslage, die nicht auf Leóns Film verwies. Montags in der Sonne gewann am Ende der Saison mehr nationale Filmpreise als Sprich mit ihr und wurde denn auch anstelle von Almodóvars Werk für den Auslands-Oscar vorgeschlagen. Es gab sogar Essayisten, die plötzlich Almodóvars Konformismus und Süßlichkeit anprangerten, um im Gegenzug Leóns eingreifende Unerbittlichkeit loben zu können.

Das Ausmaß der Euphorie hatte zweifellos auch mit dem Starrsinn der herrschenden Politik zu tun. Die spanische Regierung der Partido Popular duldet nicht nur eine hohe Arbeitslosigkeit, sondern zugleich allerlei halbkriminelle Beschäftigungsverhältnisse und eine absurd hohe Zeitvertragsquote. Das führt dazu, dass sich auch viele Beschäftigte als potenziell Arbeitslose empfinden. Lange schon steht der Arbeitsmarkt ungeschlagen auf Platz eins des spanischen Sorgenbarometers. Ministerpräsident Aznar hat seinen Blick starr auf die Stabilitätsbilanz gerichtet und resümierte entsprechend: España va bien Spanien geht es gut! Kein Satz von Aznar ist berüchtigter, keiner ist bitterer aufgenommen und häufiger persifliert worden als dieser knappe Kommentar voll kaltschnäuziger Schönfärberei. In Montags in der Sonne taucht das Zitat womöglich nur deshalb nicht auf, weil es einen allzu billigen Lacher abgegeben hätte.

Fernando Leóns fand also vor Ort ein Publikum, das fast ein Bedürfnis hatte nach einem Film wie seinem. So gesehen, war sein Sieg leicht errungen. Andererseits ist es sehr schwer, einen Arbeitslosenfilm zu drehen, der weder den Geist einer Gewerkschaftstagung noch den der Heilsarmee atmet und der trotzdem auf einen Striptease à la The Full Monty – Ganz oder gar nicht zum Stimmenfang verzichten kann. Daher ist Montags in der Sonne auch jenseits von Spanien ein außerordentlicher Film.

Er beginnt mit Szenen eines eskalierenden Arbeitskampfes, mit Straßenschlacht, Tränengas, Verhaftungen. Das war damals, als die Arbeiter ihre Jobs noch nicht verloren gegeben hatten. Jetzt ist der Job weg, der Kampfgeist auch und ebenso die Hoffnung auf eine andere feste Stelle. Geblieben ist eine offene Rechnung: Santa (Javier Bardem) hatte im Eifer des Gefechts eine neue Laterne zerstört. Noch immer wird vor Gericht der Schadensfall beraten. Santas Anwalt sagt: Euer Ehren, bedenken Sie bitte die damaligen Umstände! Der Richter sagt: Hatte etwa die Lampe Schuld?!

Santa ist das bullige Zentrum von Leóns Film, und Javier Bardem spielt ihn wie einen Kampfstier im Vorruhestand. Er lässt das Energiebündel in seinem Innern spüren, aber er schlägt damit nie um sich. Sein Körper stellt dar, was man ihm auferlegt hat: Er muss sich im Zaum halten, in jeder Hinsicht. Am Tresen trifft Santa auf alte Mitstreiter. Auf José, dessen Frau wenigstens Geld verdient, wenn auch nicht viel, nachts, am Fließband, beim Fischausnehmen. Auf Lino, der weiterhin mit verzweifeltem Eifer Stellenanzeigen durchforstet und sich als 50-Jähriger hinter Mittzwanzigern in die Bewerberschlange einreiht, ohne Chancen. Auf Amador, der immer kräftiger trinkt und immer kraftloser die baldige Heimkehr seiner Frau beschwört. Auf Reina schließlich, der sogar einen neuen, schlecht bezahlten Job gefunden hat und umso stolzer darauf ist, je mieser ihn die anderen machen.

Montags in der Sonne ist ein Ensemblefilm, es passiert vieles, aber es ändert sich nicht viel. Fernando León wirft seinen Figuren keine großen Happen Schicksal vor die Füße und dramatisiert dann den Sturz. Er zeigt in Details, wie ein Charakter langsam einfällt, sich aufzulösen beginnt, ausgebremst wird. Er inszeniert elliptisch, er akzentuiert mit Schweigen, mit Blicken, mit Abblenden. Am Tresen wird manches zur Sprache gebracht, und León schreibt kluge, knappe und komische Dialoge. Trotzdem sind auch die Gespräche auf Lücke, auf Freiraum gesetzt, sie erklären das Drama nicht aus, sondern feilen daran mit. León inszeniert die Bar als Fluchtpunkt seiner Figuren, aber nicht so sehr wegen des Alkohols. Hier wird aller Frust anerkannt und geteilt, ohne dass man ihn ausbuchstabieren müsste.