Eigentlich hat Rudi Rieder keine besondere Vorliebe für die Raumfahrt. Der Physiker ist eher zufällig in der Abteilung Kosmochemie des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz gelandet. Auf den Fluren des Instituts hängen farbige Panorama-Aufnahmen des Mars und Plakate von Raumsonden, daneben stehen schmucke Glasvitrinen mit großen Meteoriten. In Rieders nüchternem Büro sieht man von alledem nichts. Nur ein paar Cartoons kleben an den Wänden. Doch er hat eines der drei wichtigsten Messinstrumente konstruiert, mit denen sich deutsche Forscher an der Erkundung des Mars beteiligen: eine "Spürnase", mit der sich die chemische Zusammensetzung von Steinen analysieren lässt. 17 Jahre hat er an seinem Spektrometer gebaut, es immer wieder auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Jetzt sitzt es auf dem amerikanischen Marsroboter Spirit, der in diesen Tagen seine Erkundungsfahrten auf dem Mars beginnt.

Der 64-jährige Forscher führt derweil in seinem Büro eine Kopie des Spektrometers vor. Während er spricht, spielen seine Finger unentwegt mit dem kleinen Gerät. Besonders gern zeigt er die jüngste Verbesserung: eine Klappe, die sich wie das Objektiv einer Kamera öffnet und kurz darauf wieder zuschnappt. Sie soll verhindern, dass der auf dem Mars allgegenwärtige Staub in das Aluminiumgehäuse eindringt. Für solche Details kann sich Rieder begeistern.

Gerhard Neukum dagegen hängt eher großen Visionen nach. Begeistert jongliert der Planetenforscher im Geologischen Institut der FU Berlin mit dem Marsglobus und zeigt auf jene Regionen, die die europäische Raumsonde Mars-Express in den kommenden Wochen überfliegt. Die Feuerberge der Tharsis-Region etwa und Valles Marineris, der 4000 Kilometer lange "Grand Canyon" des Mars. Bald werden diese Landschaften so detailliert sichtbar wie nie zuvor – dank seiner 3-D-Farbkamera. Sie ist das bedeutendste Forschungsinstrument an Bord des Mars-Express; ihr gilt nun, nach dem Scheitern der Landefähre Beagle 2, das ganze Interesse der Europäer.

Auf seine Kamera, die derzeit Millionen Kilometer entfernt um den roten Planeten kreist, ist Neukum ebenso stolz wie Rieder auf sein Spektrometer. Und doch verkörpern die zwei Forscher ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, die beide für Weltraummissionen unabdingbar sind. Rieder ist der Bastler, der jahrelang an der Fräsbohrplatte sitzt und das Werk seiner Hände immer weiter optimiert. Neukum dagegen ist eher der Typ Wissenschaftsmanager, der gelernt hat, seine Visionen auch politisch durchzuboxen. Seit ihm vor 15 Jahren erstmals die Idee zum Bau der Kamera kam, hat er das Projekt "Marskartierung" zielstrebig verfolgt – zunächst als Leiter eines Teams am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen, später als Chef des Instituts für Planetenerkundung in Berlin-Adlershof. Damals wurde er zu einem der wichtigsten Fürsprecher der Mission Mars-Express. Ohne seine Ausdauer und Initiative wäre die europäische Marssonde womöglich nie gestartet.

Nun sind sie nach jahrelanger Entwicklungsarbeit und vielen Rückschlägen am Ziel. Wenn der Marsroboter Spirit seine Fahrten aufnimmt, darf Rieder als Erster die Daten auswerten, die sein Messgerät aus den Marsfelsen herauskitzelt. Und Neukum wird der Hüter jener Bilder sein, die der Mars-Express von seiner Umlaufbahn übermittelt. In diesen Tagen laufen die ersten Aufnahmen ein. "Das ist fantastisch", schwärmt er. "So, als würde man mit einem niedrig fliegenden Flugzeug über den Planeten blicken."

Anhand dieser Bilder möchte Neukum die geologische Geschichte des Mars zurückverfolgen und herausfinden, wann auf dem Planeten zuletzt Vulkane loderten, ob es dort Flüsse und Seen gab. "Es muss einmal viel Wasser auf dem Mars gegeben haben", sagt er. Auch Rudi Rieder muss in diesen Tagen viel über Wasser auf dem Mars sprechen, meist mehr, als ihm lieb ist. "Davon verstehen meine Kollegen mehr als ich", sagt er in Fernseh- und Rundfunkinterviews. Er hat, anders als der Marsenthusiast Neukum, bisher kaum in der Öffentlichkeit gestanden, sondern am liebsten allein vor sich hin gewerkelt. Die ungleichen Physiker aber zeichnet gleichermaßen ihr hartnäckiges Experimentieren aus, ohne das es in der Wissenschaft keinen Fortschritt gibt.

Ihre erste Begegnung mit der Raumfahrt hatten Neukum und Rieder im Umfeld der Apollo-Missionen. Sie arbeiteten beide an der Analyse jenes Gesteins, das US-Astronauten zwischen 1969 und 1972 vom Mond zurückbrachten. Für Neukum war dies der Einstieg in die Geologie und Planetenforschung, Rieder dagegen zog 1971, nach einer kurzen Anstellung in Mainz, wieder nach Wien, wo er für verschiedene Firmen physikalische Geräte baute. Mit mäßigem Erfolg. Als er 15 Jahre später einen Anruf seines ehemaligen Chefs vom Max-Planck-Institut in Mainz bekam, der gerade ein Instrument für eine russische Weltraummission bauen wollte, sagte er sofort zu. Von da an hielt ihn der Mars gefangen. "Ich bin da so reingerutscht", sagt er. "Ich wollte damals nur mal wieder einen Auftrag kriegen. Aber aus dem halben Jahr sind 17 geworden."