Das Leben geht weiter, auch für Parmalat. In Collecchio in der Provinz Parma rollen allmorgendlich die Milchlaster an – und neuerdings werden die Lieferanten sogar sofort bezahlt. Cash gab der inhaftierte Parmalat-Gründer Calisto Tanzi früher nur den Kellnern, die bei den Partys in seiner Villa bedienten. Ihnen drückte Tanzi ein großzügiges Trinkgeld in die Hand; die mehr als 5000 Milchbauern der Region jedoch hielt er drei oder sechs Monate lang hin. Und zuletzt zahlte Parmalat gar nicht mehr.

Doch das Unternehmen braucht Frischmilch, um die Produktion im Stammhaus Collecchio aufrechtzuerhalten. Enrico Bondi, der von der Regierung eingesetzte Chefsanierer, hat angewiesen: Die Lieferanten gehen vor. Sofortzahlung für 45 Tage. Was danach kommt, wagt noch niemand zu prophezeien. Beschlossen sind bisher nur der Verkauf des Touristikunternehmens Parmatour und des Fußball-Erstligisten AC Parma.

Drei Wochen nach dem Zusammenbruch des weltumspannenden Lebensmittelkonzerns Parmalat ist die Schockphase langsam überwunden. Nun schlägt die Stunde der Abrechnung. Während die Staatsanwälte in Parma und Mailand gegen das Parmalat-Management und mittlerweile auch gegen Wirtschaftsprüfer und Banker ermitteln, während sich Bankmanager, Revisoren und Tanzi-Getreue gegenseitig mit Schuldzuweisungen überhäufen und in den römischen Palazzi der Macht ein institutioneller Krach um die Rolle der Aufsichtsgremien ausgebrochen ist, wollen die italienischen Sparer einfach nur eines: ihr Geld zurück.

Es fehlen 23 Milliarden Euro

Der Absturz von Parmalat ist für Italiens Anleger vorläufiger Abschluss und Höhepunkt eines Desasters, das mit der Argentinien-Krise begann und sich vor Jahresfrist mit der Insolvenz des römischen Konservenherstellers Cirio fortsetzte. Insgesamt 23 Milliarden Euro wurden verbrannt, und mit dieser monströsen Summe schwand auch das Vertrauen der Italiener in ihre Geldhäuser. Schlimmer noch: Mit den Skandalen um die als seriös und ökonomisch potent eingeschätzten Traditionsfirmen Cirio und Parmalat sind die italienischen Banken selbst in eine gefährliche Schieflage geraten.

Mit mehr als 1,5 Milliarden Euro sind Italiens Geldhäuser, allen voran die römische Großbank Capitalia, bei Parmalat engagiert. Capitalia kündigte zu Beginn der Woche an, die mit Parmalat-Anleihen geprellte Kundschaft wenigstens teilweise entschädigen zu wollen. Die Kosten dafür: voraussichtlich 60 Millionen Euro. Wenn die anderen Banken diesem Beispiel folgen, werden sie mindestens 578 Millionen Euro ausgeben müssen. Und das könnte erst der Anfang sein.

Gefährlicher als die finanziellen Verluste ist für die Geldhäuser der Republik der immense Verlust an Vertrauen. "Die Banken stehen sehr schlecht da", argwöhnt der einflussreiche Textilindustrielle Luciano Benetton. "Dieselben Institute, die ihren kleinen Kunden unter großen Schwierigkeiten winzige Kredite gewähren, haben bis zum Schluss Parmalat-Bonds platziert. Ist es möglich, dass niemand etwas gemerkt hat?"

Schon haben sich Hunderte der rund 100000 geprellten Parmalat-Anleger Hilfe suchend an die Staatsanwaltschaft gewandt, manche ihrer Briefe veröffentlichte die Tageszeitung Corriere della Sera. "Auf den Rat meiner Bank habe ich am 3. Dezember 2003 für 20358 Euro Parmalat-Anleihen gekauft", schreibt etwa Gabriele P. und fragt sich, ob die Bank "in gutem Glauben" gehandelt haben könne, nur wenige Tage bevor der Skandal offensichtlich wurde. Eine Sparerin klagt, ihr Kundenberater im norditalienischen Biella habe ihr ausdrücklich zu Parmalat geraten, "es gab drei Möglichkeiten: Argentinien, Cirio und Parmalat. Er sagte, Parmalat ist am sichersten. Das habe ich nun davon." So unerschütterlich war der Glaube an die Marke Parmalat, dass Angestellte des Lebensmittelkonzerns noch im Dezember Zehntausende von Euro in Anleihen steckten. Sie hatten ja keine Ahnung, was in der Chefetage in Collecchio vor sich ging.