Auf Hegelianer trifft man unter den Kunstkritikern in diesen Tagen selten. Hier ist einer. Christian Demand beruft sich in seiner Polemik über den Zustand der gegenwärtigen Kunstkritik immer wieder auf Hegels berühmte Diagnose eines "Endes" der Kunst. Er tut dies aber nicht, um Hegel einmal mehr aus der Überlegenheit des Nachgeborenen in die Schranken zu weisen, sondern um seinen Befund auf ganzer Linie zu bestätigen. Denn Hegel habe einen grundlegenden Funktionswandel der Kunst richtig erkannt. Für Hegel ist die Kunst in der modernen Welt nicht länger eine "Darstellung des Absoluten", sondern eine Vergegenwärtigung der historischen Gegenwart des Menschen. In der neueren Kunst, sagt Hegel am Beginn des 19. Jahrhunderts, werden artistische und existenzielle, epistemische und moralische Möglichkeiten anschaulich durchgespielt, unter Preisgabe des Anspruchs, Gestaltung einer schlechthin wahren Deutung der Wirklichkeit zu sein. "Es gibt heutigentags keinen Stoff", sagt Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik, "der an und für sich über dieser Relativität stünde, und wenn er darüber erhaben ist, so ist doch wenigstens kein absolutes Bedürfnis vorhanden, daß er von der Kunst zur Darstellung gebracht werde."

In Hegels Sicht hat dieser Funktionswandel die befreiende Wirkung, dass die Kunst sich nun der "lebendigen Gegenwärtigkeit" der menschlichen Erfahrung in voller Breite zuwenden kann, einschließlich der Selbstdarbietung der künstlerischen Materialien und Medien, die durch ihr Erscheinen für das künstlerische Scheinen verantwortlich sind. Die nachhegelsche Kunsttheorie und Kunstkritik aber, das ist die These des Kritikers Demand, haben Hegels Einsichten auf der ganzen Linie verpasst. Sie sind von einem Glauben an den künstlerischen Fortschritt besessen, der sich aus einem Glauben an eine höhere, allein künstlerisch darstellbare Wahrheit speist. Mit diesem Festhalten an einer sakralen Mission der Kunst wird die Vorstellung einer linearen Entwicklung der Kunst hin zu einer immer avancierteren Formsprache verbunden. Beides jedoch entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine handfeste Ideologie, die dazu dient, Positionskämpfe innerhalb der Kunstwelt durchzufechten. Zugleich dient die von Schiller über Schopenhauer und Nietzsche, Heidegger und Adorno bis hin zu Beuys und Groys blühende Kunstmetaphysik dazu, einen tiefen Graben zwischen dem kleinen Kreis der Eingeweihten und den vielen Schwererziehbaren draußen im Lande zu ziehen. Der hieraus entspringenden pädagogischen Mission hat sich eine scheinheilige Kunstkritik verschrieben, die sich nicht etwa als Advokatin des Publikums, sondern vielmehr als Dienerin der von ihr gerade angesagten Avantgardisten versteht. In einer nebulösen Sprache verkündet sie die neuesten Botschaften aus den Weihestätten der Kunst – Botschaften, die gerade in ihrer Unverständlichkeit den Sinn haben, die Ungläubigen als Philister zu entlarven und zu beschämen.

Demands großformatiges Schlachtgemälde ist mit vielen schaurig-schönen Kritikerzitaten und 816 Fußnoten verziert. Es bietet aufschlussreiche Fallstudien zu künstlerischen Kontroversen von 1800 bis heute. Aber es scheitert an dem für den Verfasser entscheidenden Ziel: verständlich zu machen und vorzuführen, wie eine ästhetische Kritik im Geist des Schutzpatrons Hegel tatsächlich verfahren könnte.

Dass Künstler und ihre Kritiker besonders im Terrain der bildenden Kunst oft verstiegene Ansprüche anmelden oder einfach Unsinn reden, ist ja mittlerweile bekannt. Ebenso hat es sich herumgesprochen, dass die Kunst nach – und auch vor! – Hegel alles andere als eine Einbahnstraße ist. Demand aber möchte der Sache auf den Grund gehen. Er sieht ihn in einer illegitimen Sakralisierung des künstlerischen Geschehens. Jedoch verfolgt er dieses Geschehen ausschließlich an den Diskursen von Theorie und Kritik. Er lässt sich an keiner Stelle über Stärken und Schwächen bestimmter Werke etwa von Pollock oder Newman, Baumeister oder Reinhardt aus, an denen er die Haltlosigkeit der gängigen Rede über abstrakte Kunst zu demonstrieren versucht. Von einem rabiaten Kritiker der Kritik hätte man aber erwarten dürfen, dass er uns das Handwerk seiner kritischen Kunst zeigt.

Für diese Lücke bieten sich zwei Erklärungen an. Gelegentlich eingestreute pauschal abfällige Bemerkungen in Richtung Minimalismus und conceptualism, On Kawara oder Hanne Darboven, weisen darauf hin, dass Demands Argument nicht allein gegen die Kunst-Kritik, sondern gegen das Gros der neueren Kunst selbst gerichtet ist. Dieses Vorgehen aber wäre unseriös, da aus der Unzulänglichkeit der Kritik nun einmal nicht diejenige des Kritisierten folgt. Es müsste gezeigt werden, dass man abstrakte Kunst gar nicht einsichtig kritisieren kann – was dann freilich auch für Musik und den Tanz zu gelten hätte.

Dass Demand einen großen Bogen um eine selbstständige Diskussion der neueren Kunst macht, scheint daher einen anderen Grund haben: Er ist selbst ratlos, wie hier zu verfahren wäre. Der Autor scheint zu glauben, dass mit der metaphysischen Dignität der Kunst auch jede begründete Normativität ihrer Beurteilung verloren gegangen sei. Er trauert sicheren "Regeln" der Kritik nach, obwohl er doch weiß, dass es spätestens nach dem Ende der sakralen Kunst solche übergreifenden Regeln gar nicht geben kann. Er sucht den Rückhalt der Kritik an der falschen Stelle. Dieser ist nicht an einem übergeschichtlichen Ideal, sondern in den Erwartungen zu finden, die wir an die Kunst richten und dort gelegentlich auch erfüllt finden. Freilich stehen diese Anforderungen immer mit zur Diskussion, wo neue Kunst öffentlich zur Diskussion steht. Sie bilden sich in der kontroversen Interpretation von Werken, in der beispielhaft auf die Kraft anderer Werke verwiesen wird. Allein der exemplarische Weg steht heute noch offen.

Für welchen normativen Anspruch aber stehen die starken Werke der Kunst in einem pluralistischem Umfeld ein? Auf seine lakonische Art hat bereits Hegel seinerzeit eine passable Antwort gegeben: "Bei dieser Breite und Mannigfaltigkeit des Stoffs ist nun vor allem die Forderung zu stellen, daß sich in Rücksicht auf die Behandlungsweise überall und zugleich die heutige Gegenwärtigkeit des Geistes kundgebe."