Seine Visitenkarte sieht so aus: ein dünnes Stückchen Papier, ausgeschnitten von einer hastig geführten Schere und bedruckt mit einem grobkörnigen Foto. Darauf ist Albert Einstein abgebildet. Links daneben finden sich Name und Adresse. Holger Geschwindner, Altes Schloß, 96110 Peulendorf, Telefon, Fax, EMail. Und über allem steht, wie eine Schlagzeile, der Firmenname: Institut für angewandten Unfug.

Dieses Stückchen Papier erzählt eine Menge über Holger Geschwindner. Es erzählt, was seine Kritiker denken: dass er unter Größenwahn leidet, dass er ein Spinner ist, ein Dummschwätzer, ein Einstein für Arme. Holger Geschwindner sitzt in einer Bamberger Pizzeria und klappt seine Brieftasche wieder zu. Ein paar seiner selbst gedruckten Visitenkarten lugen noch hervor zwischen Geldscheinen und Quittungen. "Institut für angewandten Unfug, klingt doch ganz gut", sagt Geschwindner. "Warum soll ich das nicht auf die Karte schreiben? Ich hab ja sowieso einen miesen Ruf in der Szene. Wenn alle glauben, dass ich Blödsinn mache, dann kann ich’s auch gleich drucken." Holger Geschwindner wirkt nicht verbittert, als er das sagt. Er grinst, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lehnt sich weit zurück in seinem Stuhl. So sieht niemand aus, der sich verkannt fühlt von der Welt. So sieht jemand aus, der einen Triumph genießt.

Holger Geschwindner, 57, ist der Berater von Dirk Nowitzki, dem besten weißen Basketballer der Welt. Seit fünf Jahren steht der 25-Jährige bei den Dallas Mavericks in der nordamerikanischen Profiliga NBA unter Vertrag, er ist der Star der Mannschaft, er wird in den USA gefeiert als "German Wunderkind", als "bester deutscher Export seit Volkswagen". In der laufenden Saison hat Nowitzki etwas Zeit gebraucht: Eine komplizierte Knöchelverletzung warf ihn in der Vorbereitung zurück, die Heilung verlief schleppend, doch jetzt ist er auf dem Weg zu alter Stärke. Das sehen auch die amerikanischen Fans so: In einer Online-Umfrage stimmten sie für seine Berufung zum ruhmreichen All-Star-Game Anfang Februar.

Der Anfang: "Wir üben zusammen und verbessern deine Technik"

Dass die NBA für ihn selbst noch einmal zu einem Ziel werden könnten, hatte Holger Geschwindner nicht gedacht, als er im Sommer 1995 Dirk Nowitzki kennen lernte. Geschwindner, Kapitän des deutschen Olympia-Teams 1972, spielte mit einer Altherrenmannschaft in Schweinfurt. Als die Partie der Ü-45-Senioren beendet ist, bleibt er noch in der Halle, um der Würzburger Jugendmannschaft zuzugucken. Das Nachwuchsmatch plätschert so dahin, es gibt viele Fehlwürfe und viele Ballverluste und nur wenige gute Szenen. Aber an diesen ist stets derselbe Spieler beteiligt: ein weit über zwei Meter langer blonder Junge, der sich mit weichen Bewegungen durch die Defensive des Gegners schlängelt. Diese nahezu artistische Körperbeherrschung, ungewöhnlich für einen Spieler mit dieser Größe, fällt Geschwindner sofort auf. Nach dem Spiel geht er auf den Jungen zu und sagt: "Du machst noch viel falsch. Aber das, was du richtig machst, machst du sehr gut. Wer hat dir das beigebracht?" – "Niemand", antwortet der Junge. "Wenn du willst, versuche ich, dir zu helfen", sagt Geschwindner. "Wir üben zusammen und verbessern deine Technik."

Zweimal treffen sich Geschwindner und der 16 Jahre alte Dirk Nowitzki zum gemeinsamen Training. Die Eindrücke aus den beiden Übungsstunden genügen Geschwindner, um sich bei Nowitzkis Eltern zum Sonntagskaffee einzuladen und sie vor eine grundsätzliche Entscheidung zu stellen: "Wenn Dirk der beste deutsche Basketballer werden soll, kann er einfach so weitermachen. Ihn wird niemand aufhalten können. Wenn er aber einer der weltbesten Spieler werden soll, müssen wir systematisch trainieren. Und zwar ab morgen." Am Abend berät sich der Junge mit seinen Eltern, die ein Malergeschäft in Würzburg führen. Am nächsten Morgen ruft er bei Geschwindner an und sagt zu. Die Mission beginnt – und damit der Ärger.

Holger Geschwindner gibt seinen Privatunterricht in einer Schulturnhalle in Rattelsdorf, das 15 Kilometer von Bamberg entfernt liegt. Den Schlüssel verwahrt die Bäckerei Meth in ihrer Kasse; Geschwindner bringt ihn nach jedem Training zurück, und Nowitzki kauft sich dann ein paar Quarktaschen und Multivitaminsaft. Die Übungsstunden sind anstrengend, denn der Junge muss Sachen machen, die er noch nie zuvor getan hatte: im Handstand von der Freiwurf- bis zur Mittellinie wandern, auf einem Bein die Treppe hochhüpfen, in den Spagat sinken wie eine Balletttänzerin. Nowitzki lernt auch das Werfen völlig neu. Geschwindner übt mit ihm spezielle Handbewegungen, er korrigiert die Schrittstellung, ändert den Abwurfwinkel und die Flugkurve des Balles. Diese Wurftechnik steht in keinem Lehrbuch. Geschwindner hat sie am Schreibtisch entwickelt, sie ist das Ergebnis physikalischer Berechnungen. "Ich habe mir damals ein Stück Papier genommen und mich gefragt: Gibt es einen Schuss, bei dem ich Fehler machen darf und der Ball trotzdem durch den Ring fällt?", sagt Geschwindner. "Und dann habe ich eine Skizze gezeichnet: Der Ball muss mindestens einen Einfallswinkel von 32 Grad haben, Dirk ist 2,13 Meter groß, seine Arme haben eine bestimmte Länge, und wenn man dann noch die Gesetze der Physik kennt, kommt man schnell zu einer Problemlösung."

Von dieser Theorie des studierten Mathematikers hielten viele Trainer und Klubmanager zunächst überhaupt nichts. Sie lästerten, Geschwindner ruiniere mit seinem "Theoriescheiß" das Talent des Jungen, und das Ziel, Nowitzki in die NBA zu bringen sei geradezu "vermessen" und "realitätsfern". Eine Zeit lang spielten sich die Konflikte im Verborgenen ab – zur ersten öffentlichen Auseinandersetzung kommt es dann 1998. Dirk Nowitzki vom Aufsteiger DJK Würzburg wird mit 18 in die Nationalauswahl berufen. Er reist zum Lehrgang ins Ruhrgebiet, trainiert, wird aber für das Testspiel nicht aufgestellt. Eigentlich eine ganz normale Angelegenheit: Ein junger Spieler stößt zur Mannschaft und schaut erst mal zu. Am Morgen nach dem Spiel ruft Geschwindner bei Nowitzki an: "Und, wie war’s?" – "Ich hab nicht gespielt. Aber der Bundestrainer hat gesagt, ich könnte mal der Nachfolger von Henning Harnisch werden." – "Nachfolger von wem? Hör mal, wir wollen in die NBA! Der Bundestrainer tickt nicht richtig. Bleib, wo du bist, ich komme vorbei." Geschwindner setzt sich in den Wagen und fährt von Bamberg nach Dortmund, lädt Nowitzki ein und fährt wieder zurück.