"Meinen Zweifel hatte ich mir vorgestellt als eine schöne Frau mit Augen wie glühende Kohlen und einem Gang, dass einem schwindlig davon wird. Aber er sieht aus wie ich und spricht wie ich. Ich würde

In Anbetracht meines Zweifels, ob ich im Leben immer alles richtig gemacht habe oder noch richtig machen werde, macht es mich froh, träumen zu können. Ist nicht überhaupt der Traum erfunden worden, weil es den Zweifel gibt? Der Zweifel ist eine der Pflichten des Lebens und der Traum die Kür. Beim Zweifeln fühle ich mich nicht immer wohl. Es ist anstrengend, ständig einem Korrektiv ausgesetzt zu sein.

In meinen Träumen frage ich mich, warum es den Zweifel überhaupt gibt. Wie viel angenehmer wäre es, sich zurückzulehnen und zu sagen: Ich bin, also ist Schönheit. Ein Leben ohne Zweifel ist eine verführerische Vorstellung.

Ich treffe eine Verabredung. Ich sage: "Lieber Zweifel, ich kenne da ein italienisches Lokal. Lass uns Essen gehen und Wein trinken, und du erzählst mir von dir." Natürlich geht das nur im Traum, denn mein wirklicher Italiener hat für ein solch wichtiges Gespräch keinen ruhigen Tisch und schon gar keine geheimnisvolle Ecke, in die man sich zurückziehen kann. Meinen Zweifel hatte ich mir vorgestellt als eine schöne Frau mit Augen wie glühende Kohlen und einem Gang, dass einem schwindlig davon wird. Aber er sieht aus wie ich und spricht wie ich. Ich würde ihn gerne lächeln sehen, als er Platz nimmt und mir die Speisekarte reicht.

"Wähle etwas aus", sagt er zu mir, "ich habe mich bereits entschieden." Ich lese die Karte – und kann mich gar nicht entscheiden. Der Zweifel sieht mich an, als blicke er durch mich hindurch. Obwohl er mir wie aus dem Gesicht geschnitten ist, hat er etwas Maskenhaftes, Dämonisches. Er beginnt, mir zu erzählen, woher ich komme und was ich in meinem Leben alles durchgemacht habe. Wie ich als Kind zwischen den Trümmern von Trier und später in Darmstadt spielte und mich fragte, auf welche Welt ich gekommen war; warum ich zu meinem Großvater Onkel sagte und meine Großmutter irgendwann resümierte: "So weit ist es gekommen." Dass ich als klein gewachsener Mann oftmals versuchte, fehlende Größe durch innere Stärke auszugleichen; warum ich Schauspieler wurde, der den Luxus genießt, in Rollen zu schlüpfen, die ihm das Leben nie bieten würde. Der Zweifel war immer mein Begleiter, weil der Weg zur Zufriedenheit über den Umweg des Zweifels führt.

Wie der Zweifel so vor mir sitzt, mich ansieht, mit mir redet, fühle ich mich ihm nah. Ein Gefühl der Freundschaft will allerdings nicht aufkommen, weil er ständig vorgibt, auf der anderen Seite zu stehen. Wenn ich sage: "So geht es!", lauert er mir auf und fragt: "Wirklich?" Ich denke, Rotwein wird es richten. Ist der Zweifel erst einmal besoffen, werde ich ihn beherrschen und für kurze Zeit meine Ruhe haben. Er nippt an seinem Glas, trinkt dann zügig weiter, er lächelt nicht. "Du solltest mich als dein Korsett betrachten", sagt er, "als Retter vor den Strudeln, in die du als denkender und empfindender Mensch gezogen werden kannst." Ich ahne, was er meint. Leben ohne gesicherte Arbeit, Krieg zwischen Kollegen, Streit daheim und unter Freunden, Schulden, Krankheiten, früher Tod: Obwohl es so schwer ist, die eigene Mitte zu finden und zu halten, ist das immer noch leichter, als dem Dreck des Lebens ausgeliefert zu sein. "Du bewahrst mich vor dem Absturz?", frage ich. Er nickt, und plötzlich hat er einen spöttischen Blick. Ich nehme mein drittes Glas roten Burgunder.

Niemand weiß, was Glück wirklich bedeutet. Ist das nur ein Moment? Ist es eine Phase, ein Strang, ein zwei Kilometer langer Weg? Ist es das gelungene Fünfminuten-Frühstücksei oder ein opulentes Abendessen mit Freunden auf einer Luxusfähre nach Coney Island? Wohnt dem Zweifel das Glück inne? Könnte der kurze Zeit abwesende Zweifel das sein, was wir Glück nennen? Spürt man es, wenn man seine Zweifel überwunden hat, also mit sich zufrieden ist? Und was ist Verzweiflung? Ist sie seine dunkle Seite? Ist der, der nicht mal mehr zweifelt, letztlich verzweifelt? Stürzt der sich aus Verzweiflung vor den Zug, weil er nicht einmal mehr daran zweifelt, sein Leben beenden zu müssen?

Um uns herum lärmen die Menschen. Das italienische Lokal ähnelt zu dieser Zeit einem belebten Bahnhof mit vielen Gleisen. Ein Stimmengewirr aus vielen Kehlen, eine Geräuschkulisse aus klapperndem Blech, klirrendem Besteck und klingelnden Gläsern. "Wenn das Herz denken könnte, würde es stillstehen", lallt der Zweifel, stößt sein Weinglas um und knallt mit dem Kopf auf die Kante des Tisches. Rasender Schmerz durchzuckt mich, tausend Sterne tanzen mir vor den Augen, ich verliere das Bewusstsein. Als ich erwache, beugt sich ein alter Mann über mich und sagt: "Hätte ich den perfekten Menschen erschaffen wollen, hätte es die hübsche Geschichte von Adam und Eva im Paradies nicht gegeben. Steh auf und beginne, deinen Zweifel zu lieben, zu achten und zu ehren. Er schützt dich vor einem zu frühen Besuch bei mir hier oben."