Am 8. März 1923 geboren, gehört Walter Jens einem Jahrgang an, der die berühmte Gnade der späten Geburt knapp verfehlte. Niemand bestreitet die generelle Unschuld seiner Altersgruppe, auch dann nicht, wenn viele Einzelne aus diesen Jahrgängen noch der NSDAP beitraten, wie Hans-Dietrich Genscher, oder sich bei der Musterung für die Waffen-SS werben ließen, wie der 1925 geborene Maler Bernhard Heisig. Daher verfügten die alliierten Siegermächte schon bald eine Amnestie für jene Deutschen, die zu Beginn der NS-Zeit jünger als 14 Jahre waren.

Vorgehalten wurde Jens, als die Medien seine Mitgliedschaft in der NSDAP endeckten, darum auch nur seine Behauptung, er könne sich an keinen Parteieintritt erinnern. Er geriet in den Ruch jenes millionenfachen Mitläufertums, das ein selbstgnädig arbeitendes Gedächtnis später in ostentative Unangepasstheit umgedeutet habe. Eine Reihe seiner literarischen und wissenschaftlichen Äußerungen, etwa in der autobiografischen Skizze Vergangenheit gegenwärtig (1994) oder wie seine Weißwaschung des Gräzisten und Naziprofessors Wolfgang Schadewaldt (1977), wurden als lebensgeschichtlich erklärliche Manöver angesehen; der Abbruch einer Autobiografie mit dem Argument „Ich war mir nicht interessant genug“ weckte Argwohn. Doch so einfach, wie es eine vorschnelle Anklage will, liegt die Sache nicht. Es existieren Quellen, die zu der Version passen, die Walter Jens gibt.

Nach seiner Auskunft erlangte er die Parteimitgliedschaft ohne eigenes Wissen. Dem steht ein Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte (München/Berlin) entgegen, das Michael Buddrus ver-fasste. Demnach konnte niemand ohne eigenhändige Unterschrift Mitglied der NSDAP werden. Betrachtet man im Bundesarchiv die Vorderseiten der beiden Walter Jens betreffenden Karteikarten aus der Zentral- und der Gaukartei der einstigen NSDAP-Mitgliederverwaltung, dann unterschrieb Jens den Aufnahmeantrag am 20. November 1942 und wurde – das war nicht unüblich – rückwirkend zum 1. September 1942 aufgenommen. Als Adresse ist die elterliche Wohnung in Hamburg-Eppendorf angegeben. Der wegen eines schweren Asthmaleidens wehruntaugliche Jens studierte damals im dritten Semester Germanistik und klassische Philologie in Hamburg und gehörte zur „Kameradschaft Hermann von Wißmann“ des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds (NSDStB). Dort hatte er den Status „Jungbursch“, was so viel bedeutet wie Mitglied auf Probe. Die Kameradschaft verdankte ihren Namen einem ehemaligen Kolonialoffizier; sie widmete sich dem eher konservativen Ziel deutscher Kolonial- und Seegeltung. Ihr Mitteilungsblatt, Der Kilimandscharo, hat sich erhalten.

In einem zeitgenössischen Bericht für das hier besonders interessante Wintersemester 1942/43 heißt es: „So wurde in Hamburg erstmalig der Versuch gemacht, alle 1. bis 3. Semester pflichtmäßig für den NSD-Studentenbund zu erfassen.“ Eine solche Maßnahme, exakt zu der Zeit, in der Jens als Parteimitglied registriert wurde, bildete einen absoluten Sonderfall an den deutschen Universitäten und wurde im folgenden Semester gestoppt. Offensichtlich musste sogar der Hamburger Gauleiter, Karl Kaufmann, gegen derartige Praktiken einschreiten. Jedenfalls rühmte er sich später, er habe „unter allen Umständen das Prinzip der freiwilligen politischen Arbeit“ vertreten.

Dubioser Umgang mit der NSDAP-Zentralkartei

Wohlgemerkt bezog sich die quellentechnisch beweisbare Zwangsrekrutierung auf den NSDStB, nicht auf die Partei (das war nach den Statuten eindeutig verboten), doch zeigt sich darin eine höchst ehrgeizige NS-Universitätsführung, die den Organisationsgrad mit sonst unüblichen Zwangsmethoden erhöhte. So gewinnt die Aussage von Jens an Gewicht: „Persönlich um eine Aufnahme beworben habe ich mich nie.“ Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wurde er in einer wenig förmlichen, kollektiven Prozedur („Leute, unterschreibt da mal“) zum NSDAP-Karteimitglied.

Nachprüfen lässt sich das nicht mehr, und zwar weil die amerikanische Besatzungsmacht den Bestand der NSDAP-Zentralkartei gründlich veränderte. Statt der ursprünglichen chronologischen Reihenfolge der neun Millionen Karteikarten nach den laufenden Mitgliedsnummern, die ohne weiteres Rückschlüsse auf die Aufnahme ganzer Gruppen zuließ, wurde die Kartei im Sommer 1945 alphabetisch umsortiert. Auch die ursprünglich alphabetischen, aber für die einzelnen NSDAP-Bezirke getrennt angelegten Gaukarteien, die gleichfalls in der Münchner Zentrale aufgestellt waren, wurden von der Besatzungsmacht zusammengelegt und durchalphabetisiert. Daher lassen sich besondere Verfahrensweisen in einzelnen Gauen, besondere Eintrittswellen in einzelnen Orten zu bestimmten Zeiten nicht mehr rekonstruieren. Das Institut für Zeitgeschichte versäumte es in seinem Gutachten, auf die gravierenden nachträglichen Veränderungen dieser Karteien hinzuweisen. Sie beeinträchtigen den historischen Aussagewert erheblich.

Im April 1943 wechselte Jens an die Universität Freiburg. Auf Blatt 16 der Sammelmeldung für diesen Monat teilte die NSDAP-Gauverwaltung Hamburg der Parteizentrale in München mit, das neu geworbene Mitglied Nr. 9265911 sei nach „F./Breisgau Lettenweiler“ – gemeint ist Littenweiler – umgezogen, es gehöre nun der „Ortsgr.: Freiburg, Gau: Baden“ an. Die genaue Adresse fehlt und wurde niemals nachgereicht. Möglicherweise meldete sich Jens nur beim NSDStB ab, nicht aber bei der Partei.

Für eine ihm unbekannte Karteimitgliedschaft in der NSDAP sprechen zwei weitere Quellen. Es sind die gleichartig gestalteten Studentenkarteikarten, die von den Immatrikulationsbüros in Hamburg und Freiburg angelegt wurden. Die Freiburger Karte wurde am 26. Februar 1945 gelegentlich der Exmatrikulation ausgestellt und fasst ältere Informationen zusammen. Verzeichnet sind der Studienverlauf, das Studien- wie Berufsziel („Staatsexamen, Studienrat“) und die Mitgliedschaft in politischen Organisationen. Demnach war Jens, wie er selbst bestätigt, in Freiburg Mitglied im NSDStB. Ohne Eintrag aber blieb die Rubrik „Mitglied der NSDAP seit:…“ Wegen des späten Entstehungsdatums taugt die Urkunde, für sich genommen, nur bedingt zur Entlastung. Allerdings versichert der Leiter des Universitätsar-chivs Freiburg, Dieter Speck, die Eintragungen seien damals in aller Regel korrekt erfolgt; hinzu kommt, dass auch auf der Hamburger Karteikarte, deren letzte Eintragung vom 8. April 1943 stammt, die Spalte leer blieb, auf der die NSDAP-Mitgliedschaft anzugeben gewesen wäre. Vermerkt ist dort die Mitgliedschaft in der HJ bei Studienbeginn, NSDStB-Mitglied war Jens wegen seines Kandidatenstatus in Hamburg noch nicht.

Da der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg am 29. Oktober 1944 die Promotion von Walter Jens beantragte und die Prüfung am 8./9. Dezember des Jahres stattfand, existiert eine Promotionsakte. Diese Quellengattung eignet sich erfahrungsgemäß gut, um die ideologische Belastung des damaligen akademischen Klimas festzustellen. In der zwölf Blatt starken Akte findet sich weder im Lebenslauf noch in den Prüfungsthemen und Gutachten auch nur der Hauch von politischem Konformismus. Es handelte sich um eine in dieser Kriegsphase nicht untypische Notprüfung eines Kandidaten, der, das geht aus den Quellen wie aus den Zeitzeugenberichten hervor, für sein Alter ganz ungewöhnliche Leistungen erbrachte. Dem nur knapp 22-Jährigen bescheinigte sein Lehrer Karl Büchner: Er „gehört zu den besten wissenschaftlichen Nachwuchskräften und kommt für die Hochschullehrerlaufbahn in Frage“. Jens promovierte mit einer Arbeit über die Dialoge bei Sophokles und legte im Dezember 1944 einen 98 Seiten langen handschriftlichen Entwurf vor sowie eine Teilausführung. Erst nachdem er die maschinenschriftliche Fassung im Sommer 1946 nachreichte, die dann von der Universität auf 1944 rückdatiert wurde, erhielt er am 9. Juli 1946 die Promotionsurkunde mit dem Datum 8. Dezember 1944.

Neben den genannten Quellen kommen noch die etwa 300.000 lokalen Entnazifizierungsakten im Staatsarchiv Hamburg in Betracht. Tatsächlich findet sich dort ein Hinweis auf Walter Jens. Auf einer Karteikarte wurde er am 27. Oktober 1945 als unbelastet – Gruppe V – aufgrund einer Entscheidung des britischen Advisory Board eingestuft. Eine Verfahrensakte gibt es nicht; nach Jens’ Erinnerung fand keine Anhörung statt.

Untersucht man die subjektive Verfassung des Studenten Walter Jens zum Zeitpunkt seiner Registrierung als Parteimitglied im November 1942, dann zeigt sich eine vorübergehende intellektuelle Nähe des 19-Jährigen zu völkischem Gedankengut. Das ist nicht neu. In seinen autobiografischen Notizen schrieb Jens schon vor Jahren, er sei bei aller Eigensinnigkeit eben „auch ein Angepasster“, „ein Bruder Leichtfuß, aber kein verlässlicher Antifaschist“ gewesen. Kommilitonen beschreiben ihn als gelegentlich aufschneiderisches Wunderkind. In seinen Stellungnahmen zur aktuellen Debatte wies Jens darauf hin, er habe 1941/42 auf einem studentischen Kameradschaftsabend einen unrühmlichen Vortrag über „Entartete Literatur“ gehalten und auch seinen Abituraufsatz zum Thema Heinrich gewinnt das Reich würde er nur noch ungern lesen wollen.

Der Vortrag, in dem Jens nach eigener Mitteilung Thomas Mann „ziemlich herablassend“ als „Literaten“ bezeichnete, findet sich in der Kameradschaftszeitschrift Der Kilimandscharo abgedruckt. Darin heißt es über eine Richtung, die der Vortragende als „Verfallsliteratur“ darstellte: „Bezeichnend für diese Richtung ist Thomas Mann, der ‚Ästhet mit der Tendenz zum Abgrund‘, wie er sich selbst nannte, voll ungeheurer stilistischer Begabung, artistischer Sprache; aber nur der Intellekt in eisiger Kälte. Erstarrung gilt diesem Literaten etwas, der fern seinem Volke steht. Buddenbrooks und Zauberberg muten uns heute wie Grabsteine einer Generation an, die sich selbst richtete.“

Aber selbst in diesem, übrigens „in gekürzter Form“ gedruckten Vortrag zeigt sich ein beeindruckender Geist. Jens war zehn, als Hitler zur Macht kam. Neun Jahre später hatte er den verpönten Thomas Mann gründlich gelesen, wandte wie selbstverständlich die Kategorien der „Freudschen Psychoanalyse“ an und denunzierte keinen Vertreter der „Entartungsliteratur“ als Juden. Im Schlussabsatz plädierte er für eine Dichtung, „die fern von jeder rein parteimäßig engen Bindung“ bleiben müsse, und während die Schlacht von Stalingrad tobte, rechnete er sich mit Hans Carossa „zum Orden derer, denen alle Länder und Meere der Welt nicht genügen würden, wenn das Reich des Geistes und des Herzens unerobert bliebe“.

Die Phase des Konformismus – im Fall eines 19-Jährigen sollte man gerechterweise sagen: des Experimentierens mit völkischen Ideen – blieb kurz. Eineinhalb Jahre später, am 13. Juni 1944, sprach Jens dann vor seiner Freiburger Kameradschaft Friedrich-Ludwig-Jahn abermals über Thomas Mann, ein Ereignis, das von Ernst Nolte bezeugt ist. Neben den Buddenbrooks stellte Jens den Zauberberg vor. Die Debattenszenen zwischen den Herren Settembrini und Naphta (einem jüdischen Jesuiten) pries er als „einen wohl nicht mehr zu überbietenden meisterlichen Zusammenschluss von Geist, Phantasie und Komposition“. Er bedauerte, Lotte in Weimar, die 1939 erschienen war, erst einmal gelesen zu haben, sprach nebenbei über „unsere nicht vorhandene Dichtkunst“, bemerkte dazu, „Kunst wächst organisch, sie kann nicht befohlen, höchstens gefördert“ werden, um dann zu folgender Schlusskadenz anzusetzen:

Vom „Eingepreßtwerden“ in unserer Zeit

„Ich bin am Ende. Ein fragwürdiger Dichter stand vor uns: einer der würdig ist, dass man nach ihm fragt, heißt das. Ein Dichter seiner und unserer Zeit, wie wir neben ihm keinen anderen besitzen, jedenfalls, was die Universalität des dichterischen ingenium betrifft. (…) Noch stehen wir Thomas Mann zu nahe, ich aber glaube, daß spätere Zeiten vielleicht einmal den Wilhelm Meister, den Grünen Heinrich und den Zauberberg in einem Atem nennen werden. (…) Thomas Mann zwingt uns zur Auseinandersetzung mit seiner Anschauung von Künstler und Künstlertum, mit seiner Weltsicht, der auch wir unmittelbar nahe sind, ob wir wollen oder nicht, wir Menschen des 20. Jahrhunderts, er hat uns als Dichter Endgültiges zu sagen. Verlieren wir in unserer Zeit, wo wir dem ‚Eingepreßtwerden‘ in eine bestimmte Anschauung auf allen Gebieten fast ganz zu verfallen drohen, nicht den Blick für die Vielzahl der Erscheinungen, versinken wir nicht in der Blicklosigkeit, laßt uns auch das, was man heute wegwirft, prüfen, ob es das Wegwerfen wirklich verdient, oder ob es uns nicht im Gegenteil sehr viel zu sagen hat, gerade uns!

Das war es, was mir am Herzen lag, was ich in einigen nächtlich geschaffenen, aus langem Vertrautsein mit dem Dichter erwachsenen, aber – leider – sehr unwissenschaftlichen Gedanken habe sagen wollen. Thomas Mann, Du großer Dichter, auf Wiedersehen!“

Ein solcher Vortrag im Sommer 1944 über einen exilierten Schriftsteller, der in der BBC regelmäßig das schnelle Ende der Naziführung herbeiwünschte, war nach damaligen Rechtsnormen ein „Heimtückeverbrechen gegen Volk und Staat“. Jens hatte Glück, aber Courage hatte er schon als 13-Jähriger gezeigt. Am 27. April 1936 wurde er wegen seines beliebten, deutlich antinazistisch auftretenden und inhaftierten Lateinlehrers Ernst Fritz von der Gestapo vernommen. Im Protokoll heißt es dazu: „Jens weiß grundsätzlich überhaupt nichts. (…) Es seien keine Witze über Goebbels und Göring erzählt worden. (…) Fritz habe nicht erzählt, wie er einmal von SA-Leuten angerempelt worden sei. Er habe niemals über die jüdische Rasse etwas gesagt. Die Aussagen von Jens sind offenbar unrichtig. Er ist in jeder Weise bemüht, Fritz in Schutz zu nehmen. Ob er diese Stellungnahme aus eigenem Antrieb einnimmt oder von irgend einer Seite hierzu beeinflußt worden ist, konnte ich nicht feststellen.“

Damit sind die Dokumente vorgestellt, die Auskunft über das Verhalten des Schülers und Studenten Walter Jens in der NS-Zeit geben. Würdigt man sie in ihrer Gesamtheit, dann spricht vieles für Jens’ Darstellung, er habe von seiner NSDAP-Mitgliedschaft nichts gewusst und sich niemals aktiv um den Parteieintritt bemüht. Die Schriftstücke und die Befragung noch lebender Kommilitonen zeigen einen Hochbegabten, der sich mehrfach und mit persönlichem Mut gegen den Zeitgeist stellte. 1941/42 probierte er auch völkisches Gedankengut aus.

Stellt man die Ungefestigtheit und Experimentierlust eines nicht einmal 20-Jährigen in Rechnung, dann handelt es sich um eine Bagatelle, die der öffentlichen Erörterung nicht wert ist. Vor allem gilt es stets zu bedenken, wie massiv und für uns Heutige kaum vorstellbar die ideologischen und politischen Zugkräfte waren, denen ein Student der Jahre 1941/44 ausgesetzt war. Weltanschauliche Schwankungen zwischen Anpassung und Abkehr, wie sie diese Biografie zeigt, finden sich auch in den Biografien des deutschen Widerstands. Entscheidend bleibt, dass sich Walter Jens die Möglichkeit zur Umkehr – noch während der NS-Herrschaft – bewahrte.