Für eine ihm unbekannte Karteimitgliedschaft in der NSDAP sprechen zwei weitere Quellen. Es sind die gleichartig gestalteten Studentenkarteikarten, die von den Immatrikulationsbüros in Hamburg und Freiburg angelegt wurden. Die Freiburger Karte wurde am 26. Februar 1945 gelegentlich der Exmatrikulation ausgestellt und fasst ältere Informationen zusammen. Verzeichnet sind der Studienverlauf, das Studien- wie Berufsziel („Staatsexamen, Studienrat“) und die Mitgliedschaft in politischen Organisationen. Demnach war Jens, wie er selbst bestätigt, in Freiburg Mitglied im NSDStB. Ohne Eintrag aber blieb die Rubrik „Mitglied der NSDAP seit:…“ Wegen des späten Entstehungsdatums taugt die Urkunde, für sich genommen, nur bedingt zur Entlastung. Allerdings versichert der Leiter des Universitätsar-chivs Freiburg, Dieter Speck, die Eintragungen seien damals in aller Regel korrekt erfolgt; hinzu kommt, dass auch auf der Hamburger Karteikarte, deren letzte Eintragung vom 8. April 1943 stammt, die Spalte leer blieb, auf der die NSDAP-Mitgliedschaft anzugeben gewesen wäre. Vermerkt ist dort die Mitgliedschaft in der HJ bei Studienbeginn, NSDStB-Mitglied war Jens wegen seines Kandidatenstatus in Hamburg noch nicht.

Da der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg am 29. Oktober 1944 die Promotion von Walter Jens beantragte und die Prüfung am 8./9. Dezember des Jahres stattfand, existiert eine Promotionsakte. Diese Quellengattung eignet sich erfahrungsgemäß gut, um die ideologische Belastung des damaligen akademischen Klimas festzustellen. In der zwölf Blatt starken Akte findet sich weder im Lebenslauf noch in den Prüfungsthemen und Gutachten auch nur der Hauch von politischem Konformismus. Es handelte sich um eine in dieser Kriegsphase nicht untypische Notprüfung eines Kandidaten, der, das geht aus den Quellen wie aus den Zeitzeugenberichten hervor, für sein Alter ganz ungewöhnliche Leistungen erbrachte. Dem nur knapp 22-Jährigen bescheinigte sein Lehrer Karl Büchner: Er „gehört zu den besten wissenschaftlichen Nachwuchskräften und kommt für die Hochschullehrerlaufbahn in Frage“. Jens promovierte mit einer Arbeit über die Dialoge bei Sophokles und legte im Dezember 1944 einen 98 Seiten langen handschriftlichen Entwurf vor sowie eine Teilausführung. Erst nachdem er die maschinenschriftliche Fassung im Sommer 1946 nachreichte, die dann von der Universität auf 1944 rückdatiert wurde, erhielt er am 9. Juli 1946 die Promotionsurkunde mit dem Datum 8. Dezember 1944.

Neben den genannten Quellen kommen noch die etwa 300.000 lokalen Entnazifizierungsakten im Staatsarchiv Hamburg in Betracht. Tatsächlich findet sich dort ein Hinweis auf Walter Jens. Auf einer Karteikarte wurde er am 27. Oktober 1945 als unbelastet – Gruppe V – aufgrund einer Entscheidung des britischen Advisory Board eingestuft. Eine Verfahrensakte gibt es nicht; nach Jens’ Erinnerung fand keine Anhörung statt.

Untersucht man die subjektive Verfassung des Studenten Walter Jens zum Zeitpunkt seiner Registrierung als Parteimitglied im November 1942, dann zeigt sich eine vorübergehende intellektuelle Nähe des 19-Jährigen zu völkischem Gedankengut. Das ist nicht neu. In seinen autobiografischen Notizen schrieb Jens schon vor Jahren, er sei bei aller Eigensinnigkeit eben „auch ein Angepasster“, „ein Bruder Leichtfuß, aber kein verlässlicher Antifaschist“ gewesen. Kommilitonen beschreiben ihn als gelegentlich aufschneiderisches Wunderkind. In seinen Stellungnahmen zur aktuellen Debatte wies Jens darauf hin, er habe 1941/42 auf einem studentischen Kameradschaftsabend einen unrühmlichen Vortrag über „Entartete Literatur“ gehalten und auch seinen Abituraufsatz zum Thema Heinrich gewinnt das Reich würde er nur noch ungern lesen wollen.

Der Vortrag, in dem Jens nach eigener Mitteilung Thomas Mann „ziemlich herablassend“ als „Literaten“ bezeichnete, findet sich in der Kameradschaftszeitschrift Der Kilimandscharo abgedruckt. Darin heißt es über eine Richtung, die der Vortragende als „Verfallsliteratur“ darstellte: „Bezeichnend für diese Richtung ist Thomas Mann, der ‚Ästhet mit der Tendenz zum Abgrund‘, wie er sich selbst nannte, voll ungeheurer stilistischer Begabung, artistischer Sprache; aber nur der Intellekt in eisiger Kälte. Erstarrung gilt diesem Literaten etwas, der fern seinem Volke steht. Buddenbrooks und Zauberberg muten uns heute wie Grabsteine einer Generation an, die sich selbst richtete.“

Aber selbst in diesem, übrigens „in gekürzter Form“ gedruckten Vortrag zeigt sich ein beeindruckender Geist. Jens war zehn, als Hitler zur Macht kam. Neun Jahre später hatte er den verpönten Thomas Mann gründlich gelesen, wandte wie selbstverständlich die Kategorien der „Freudschen Psychoanalyse“ an und denunzierte keinen Vertreter der „Entartungsliteratur“ als Juden. Im Schlussabsatz plädierte er für eine Dichtung, „die fern von jeder rein parteimäßig engen Bindung“ bleiben müsse, und während die Schlacht von Stalingrad tobte, rechnete er sich mit Hans Carossa „zum Orden derer, denen alle Länder und Meere der Welt nicht genügen würden, wenn das Reich des Geistes und des Herzens unerobert bliebe“.

Die Phase des Konformismus – im Fall eines 19-Jährigen sollte man gerechterweise sagen: des Experimentierens mit völkischen Ideen – blieb kurz. Eineinhalb Jahre später, am 13. Juni 1944, sprach Jens dann vor seiner Freiburger Kameradschaft Friedrich-Ludwig-Jahn abermals über Thomas Mann, ein Ereignis, das von Ernst Nolte bezeugt ist. Neben den Buddenbrooks stellte Jens den Zauberberg vor. Die Debattenszenen zwischen den Herren Settembrini und Naphta (einem jüdischen Jesuiten) pries er als „einen wohl nicht mehr zu überbietenden meisterlichen Zusammenschluss von Geist, Phantasie und Komposition“. Er bedauerte, Lotte in Weimar, die 1939 erschienen war, erst einmal gelesen zu haben, sprach nebenbei über „unsere nicht vorhandene Dichtkunst“, bemerkte dazu, „Kunst wächst organisch, sie kann nicht befohlen, höchstens gefördert“ werden, um dann zu folgender Schlusskadenz anzusetzen: